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EU-Projekt platziert Gleichstellungsdebatte, wo sie hingehört: Auf die Jahreshauptversammlungen europäischer Großunternehmen

(10.07.2015) Bei einem Pressegespräch am 10. Juli 2015 in den Räumen des Bundesrats in Berlin bilanzierte der Deutsche Juristinnenbund e.V. (djb) seine jüngste Tätigkeit in Sachen Chancengleichheit im Erwerbsleben. Zusammen mit vier Juristinnenvereinigungen in Europa fragte der Verein nahezu 100 Großkonzerne nach Gleichstellung, Frauenförderung und Geschlechtergerechtigkeit. Und das auf großer Bühne: den Jahreshauptversammlungen. Tatkräftige Juristinnen machten hier als Aktionärinnen von ihrem Rederecht Gebrauch und stellten den Konzernriesen heikle Fragen. Von A wie Allianz bis Z wie Zarneni Hrani Bulgaria AD-Sofia standen auch 14 deutsche Unternehmen Rede und Antwort. Den Rahmen bildete das vom djb initiierte Projekt “European Women Shareholders Demand Gender Equality” (EWSDGE) mit dem Ziel, die ungleichen Karrierechancen von Frauen zu thematisieren und die Gläserne Decke aufzubrechen. EWSDGE-Research Director ist Sabine Overkämping: „Das Projekt dient unserem langfristigen Ziel, die Gleichstellung von Frauen und Männern endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Dafür suchen wir auch den Dialog. Dass dieser Weg erfolgversprechend ist, bestätigen unsere Erfahrungen auf den Jahreshauptversammlungen.“

Wie hoch ist der Frauenanteil in Führungspositionen und Besetzungsgremien? Welche Rolle spielt Familienfreundlichkeit in Personalprogrammen auch für Männer? Solche Fragen treffen Unternehmen, die Frauenförderung vernachlässigen. Gestellt wurden sie von Vertreterinnen des djb, der europäischen Juristinnenvereinigung (EWLA) sowie Juristinnenorganisationen aus Frankreich, Bulgarien und Ungarn. Alle besuchten sie Hauptversammlungen (HV) der Unternehmen im EURO-STOXX-50-Index und 50 weiterer Unternehmen aus den nationalen Aktienindizes SOFIX, BUX und FTSE 100. Eine der Frauen war djb-Präsidentin Ramona Pisal: „Die Quotierung der Aufsichtsräte ist in Deutschland seit März erreicht. Unser Ziel jedoch nicht: nämlich insgesamt ein Ende der Benachteiligung von Frauen im Erwerbsleben. Die direkte Kommunikation mit den Unternehmen und den Aktieninhaber/innen stärkt Frauenrechte und -chancen nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich.“

Andere Projekt-Vertreterinnen kommen aus Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Belgien und Luxemburg sowie Irland, Großbritannien, Finnland, Ungarn, Italien und Bulgarien. Gemeinsam forcieren sie die Gleichstellungsdiskussion europaweit. „Die ungarische Gesellschaft ist sehr konservativ und traditionell. Weder für die Regierung noch die Politik sind Frauen in Führungspositionen ein Thema. Die Gesellschaft muss insgesamt umdenken. Nur kleine Schritte sind möglich“, sagt die ungarische Projekt-Koordinatorin Dr. Katalin Prandler. Die britische Koordinatorin und zugleich Präsidentin der EWLA ist Prof. Jackie Jones. Sie beschreibt das Projekt als die Kampagne des 21. Jahrhunderts – nicht für sie selbst, sondern für kommende Generationen.

Das Projekt hat eine Laufzeit bis Mitte 2016 und knüpft an Vorläufererfahrungen in Deutschland und Spanien aus den Jahren 2009 und 2012 an. Es wird im PROGRESS-Programm der Europäischen Union gefördert. An der Finanzierung beteiligen sich daneben das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), die Finnische Handelskammer sowie das Ministerium für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Ministerin Prof. Dr. Angela Kolb hat selbst die Hauptversammlungen der Telekom und der Daimler AG besucht: „Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen. Der Weg führt über die Quote – und über Projekte wie dieses, in dem Frauen-Teams aus zwölf Ländern das Thema in den Fokus von Aufsichtsräten und Aktionären rücken.“ Partnerinnen im Projekt sind außerdem die Hochschule Magdeburg-Stendal und die Universität von Westengland.

In den Aufsichtsräten der deutschen EURO-STOXX-50-Unternehmen reichte der Frauenanteil 2014 von 15 Prozent (RWE AG) bis 40 Prozent (Munich RE AG) (Stand 15. Juni 2015). Die Vorstände zählten zehn weibliche Besetzungen, denen insgesamt 90 männliche gegenüberstanden. Auf europäischer Ebene ist die Situation ähnlich. Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 614 größten börsennotierten Unternehmen der 28 EU Mitgliedstaaten liegt bei 20,2 Prozent und der Anteil in Vorständen bei nur 3,3 Prozent. (Stand: Januar 2015, EU Kommission)

Der djb ist ein Zusammenschluss von Juristinnen, Volks- und Betriebswirtinnen zur Fortentwicklung des Rechts im Sinne der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen. Er verfolgt dieses Ziel unabhängig, überparteilich und überkonfessionell. Der djb zählt knapp 3.000 Mitglieder, hat seinen Sitz in Dortmund und seine Bundesgeschäftsstelle in Berlin.

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