Corona-Berichte von djb-Mitgliedern


Sylvia Cleff Le Divellec, Paris, französische Rechtsanwältin in der Pariser Anwaltskammer, Mediatorin und Coach; Mitbegründerin der Kanzlei Cabinet ELAGE; arbeitet seit 2005 in Paris, seit 1999 djb-Mitglied, Mitbegründerin und Vorsitzende der djb-RG Paris

Die Berichte orientieren sich an den folgenden Fragen:

  •     Was hat sich an meinem Arbeitsplatz ganz konkret für mich durch Corona geändert?
  •     Sehe ich langfristige Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz zukommen, d.h. „nach“ Corona?
        Und wenn ja, welche?
  •     Welche Auswirkungen hat Corona auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben/Familie für mich?
  •     Welche positiven Aspekte/Erkenntnisse habe ich aus dieser „Entschleunigung“ für mich gewonnen?
     

Als Präsident Macron in seiner Fernsehansprache am Donnerstagabend, den 12.März 2020, ankündigte, dass ab Montag darauf alle Schulen bis auf weiteres geschlossen sein würden, befand ich mich gerade auf einer Dienstreise in Dijon. Was sich seit Wochen langsam anbahnte, wurde nun klar:  Meine Tätigkeit als Trainerin würde bis auf Weiteres in gewohnter Präsenzform nicht mehr stattfinden können; bereits meine letzte Schulung vor dem Lockdown am nächsten Tag vor über 60 Personen und die Heimreise am kommenden Tag nach Paris waren etwas gespenstisch: Ich hatte das Gefühl, nicht (mehr) am rechten Ort zu sein.

Konkret wurden für mich in den vergangenen zwei Monaten Schulungs- und Beratungstermine abgesagt bzw. auf den späten Herbst verlegt. Eine seit Oktober 2019 laufende und fast abgeschlossene Mediation zwischen einem Unternehmen und einer Angestellten musste ich bis auf weiteres verschieben. Eine virtuelle Sitzung bot sich in diesem Fall nicht an; ich hoffe, die fast erzielte Einigung im Juni fördern zu können, aber bei Mediationsverfahren weiß man ja nie so ganz genau wie sie ausgehen...

Als zertifizierte Coach begleite ich in einer französischen Verwaltung Manager_Innen, die sich in beruflichen Fragestellungen befinden. Anfang März liefen mehrere neue Coaching-Prozesse an. Auch wenn ich noch vor drei Monaten ein neues Coaching niemals online oder per Telefon begonnen hätte, finden nun alle Sitzungen selbstverständlich online statt, was gut klappt und ein großer Zeitgewinn ist. Da andere Aktivitätsfelder akut zurücktreten, kann ich dieses nun ausbauen, was ich als Chance und fast als Fügung sehe.

Bedauerlich ist, dass eine viertägige Studienreise nach Berlin, die ich als Lehrbeauftrage an der Universität für Ende März mit meinen acht Studierenden über Monate geplant hatte, nun natürlich ausfiel. Um die 14 Unterrichtsstunden in der „German Law Clinic“ dennoch zu füllen, habe ich kurzfristig ­– wie viele in meiner Lehrsituation – auf digitale Lehreinheiten an drei Terminen pro Woche umgestellt; inhaltlich haben wir das sehr kontrastreiche deutsch-französische und europäische Krisenmanagement, die jeweilige Rhetorik und die rechtlichen Instrumentarien verglichen. Mir war es aber auch wichtig, einen Austausch über das konkrete Erleben dieses Ausnahmezustandes für meine Studierenden zu schaffen; die meisten waren, wie 700 000 Pariser und Pariserinnen, noch in den letzten TGV gesprungen, um den Lockdown (auf frz.: „confinement“) bei ihren Familien bzw. auf dem Land zu verbringen.

Durch die entfallende – in Frankreich ja bekanntermaßen sehr umfassende – Kinderbetreuung unserer drei Kinder (zehn, acht und drei Jahre) seit nunmehr neun Wochen und der insgesamt sehr strengen Ausgangsbeschränkungen war es nicht mehr an der Tagesordnung, Termine in Paris –  auch unter Beachtung der sog. „gestes barrières“, also der Hygieneregeln – wahrzunehmen. Mein Büro in Paris habe ich seit Mitte März nicht mehr betreten, die Miete läuft selbstverständlich weiter.

Meine Arbeitszeit hat sich von sieben bis acht Stunden „vorher“ auf zwei bis vier Stunden im „confinement“ reduziert. Vier Stunden konzentriert im Homeoffice entsprechen „gefühlt“ ca. sechs bis sieben im gewöhnlichen Arbeitsalltag. Gewöhnungsbedürftig und teils anstrengend ist der fließende Übergang zwischen „beiden Welten“ quasi ohne Pausen und Pufferzeiten.

In Bezug auf meine Schulungs- und Vortragstätigkeit wird sich zukünftig das Meiste ändern; klassische Trainings mit 10-20 Personen in engen Räumen oder geplante Seminare mit 80-120 Personen werden unter Vorbehalt ab November wieder geplant. Es wird sich zeigen, ob das Schulungsangebot erfolgreich und wirtschaftlich online umgestellt werden kann. Ich halte es durchaus für möglich und interessant. Meine beiden größten Kunden sind bisher zurückhaltend und hoffen – wie wir alle – auf Planungsperspektiven, die von der Entwicklung der Pandemie in den kommenden Wochen abhängig sein werden.

Die französische Justiz war schon vor Ausbruch der Corona-Krise durch diverse Streikphasen blockiert. Die Mediation sollte deshalb jetzt einen wirklichen Aufwind erfahren und endlich als wahre Alternative zum Gerichtsverfahren genutzt werden. Die Angebote an Online-Mediation im Familien-, Arbeits-, Versicherungs- oder Gesellschaftsrecht wachsen wie die Pilze aus dem Boden. Die Gefahr besteht, dass Reklamationsverfahren mit Mediation verwechselt werden und der Kern der Mediation, der die Verantwortung bei den Mediant_Innen lässt und ausgebildeten Mediatoren und Mediatorinnen obliegt, ausgehöhlt wird[1]. Die Nachfrage nach Begleitung in der Streitschlichtung ist in jedem Fall groß, was mir als Mediatorin im deutsch-französischen Bereich potentiell Perspektiven eröffnet.

Persönlich werde ich in den kommenden Monaten durch die weiterhin sehr beschränkte Betreuungsmöglichkeiten unserer Kinder (max. zwei Schultage pro Woche) einerseits und die drastischen Schutzmaßnahmen in der Wirtschaft andererseits deutlich weniger beruflich reisen und „analoge“ Termine vermeiden. Nicht dringende Gerichtstermine sind bis Juni aufgehoben und noch nicht neu terminiert.

Mein Mann und ich arbeiten derzeit beide im Homeoffice, mit weitestgehend selbst bestimmbaren, flexiblen Arbeitszeiten. Das gibt uns zum Glück einen gewissen Spielraum in der Gestaltung der Tagesabläufe; wir teilen uns die „Schultage” paritätisch auf: mal betreut der eine, mal die andere jeweils einen halben Tag inklusive Essenslogistik. Nach dem halben Schultag brauchen wir beide (dringend) eine echte Pause von den Familienanforderungen inklusive „école à la maison“[2] für drei Altersklassen. Dieser Rhythmus wird bis mindestens zu den Sommerferien bis auf sehr wenige Tage unsere Regel bleiben. Auch wenn drei Arbeitsstunden wenig(er) sind, bin ich froh, diese überhaupt noch effektiv arbeiten zu können. Der Wechsel zwischen Familie und Arbeit erweist sich für mein Gleichgewicht als förderlich. Nur die echte Freizeit für Lesen, Sport, Gespräche bleibt schnell auf der Strecke, wenn wir sie uns nicht gezielt einräumen und „nehmen“.

Noch Anfang des Jahres war es für mich und meine Familie in Deutschland absolut unvorstellbar, dass die deutsch-französischen Grenzen ab März „geschlossen“ werden könnten und Besuche nicht möglich sein würden. Diese Entscheidung sowie der Alleingang der EU-Staaten in vielen Fragen trifft mich. Zum Glück sind meine Eltern zusammen und soweit in guter auch psychischer Verfassung; auch meinen Bruder und seine Familie vor Ort zu wissen beruhigt... Regelmäßige Video-Anrufe helfen, sind aber bei weitem kein Ersatz für Besuche.         

In der Krise sehe ich auch Positives. Die „Zwangsentschleunigung“ hat dazu geführt, dass wir uns von vielen Zeitschluckern, wie Fahrtwegen und langen Arbeitssitzungen oder Terminen, befreit fühlen; wir erleben unsere Kinder und unser Familienleben intensiver und sind uns bewusst, dass das wohl in dieser Form und Länge nicht oft der Fall sein wird. Vor der Covid-19-Krise verbrachten wir viel Zeit mit Planung und Organisation unseres Berufs- und Familienlebens; ich habe das Gefühl derzeit stärker in der Gegenwart gefordert, aber auch verankerter zu sein.

Wir versuchen, in der wenigen freien Zeit das zu tun, was uns wichtig erscheint und „gut” tut. Der Blick auf das für uns Wesentliche wird geschärft.

Wir kommen Menschen durch bisher nicht in der Form genutzte Kommunikationsmöglichkeiten näher, als es vorher der Fall war. Ich denke an die inspirierenden EWLA-Webinare am Donnerstagmorgen, die Juristinnen aus bis zu 25 Ländern zu spannenden Themen zusammenbringen.

Es gibt Coaching- und Supervisions-Sitzungen mit Kolleg_Innen, die ich sonst nicht wahrgenommen hätte sowie online Schulungsangebote, die sonst zeitlich nicht einzurichten waren und schlicht in der derzeitigen Fülle und Qualität nicht existierten.

In dem Themenfeld, zu dem ich in meiner Kanzlei ELAGE[3] arbeite, nämlich den Durchsetzungsstrategien des Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsrechts und der Mediation im Arbeitskontext, ist diese Phase stimulierend und wirft diverse Fragen auf: strukturelle Benachteiligungen in Bezug auf Präsenz, Gehör, Medien, politischen Diskursen von benachteiligten Gruppen sowie Ungleichheiten vielfältiger Art kommen deutlicher denn je zu Tage.

Zu hoffen bleibt, dass die innerhalb der EU recht progressive französische Gesetzgebung zum Gleichstellungsrecht und das politische Programm dazu in diesem Bereich den „Stress Test“ bestehen werden und Gender Mainstreaming und Geschlechterparität – neben ökologischer Nachhaltigkeit etc. – beim milliardenschweren Hochfahren der Wirtschaft und der (Neu)-Bewertung der systemrelevanten Berufe die nötige Beachtung und konkrete Umsetzung finden.

[1] Ein kurzer Blog-Beitrag dazu (auf frz): www.cabinet-elage.com/post/la-m%C3%A9diation-%C3%A0-distance-une-r%C3%A9ponse-%C3%A0-une-situation-exceptionnelle.

[2] Schule zu Hause.

[3] www.cabinet-elage.com.