Corona-Berichte von djb-Mitgliedern


Prof. Dr. Katrin Hesse LL.M., Oldenburg, Professorin für internationales und nationales Wirtschaftsrecht an der Hoch¬schule Fulda/Hessen, Beisitzerin im Vorstand der RG-Oldenburg

Die Berichte orientieren sich an den folgenden Fragen:

  •     Was hat sich an meinem Arbeitsplatz ganz konkret für mich durch Corona geändert?
  •     Sehe ich langfristige Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz zukommen, d.h. „nach“ Corona?
        Und wenn ja, welche?
  •     Welche Auswirkungen hat Corona auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben/Familie für mich?
  •     Welche positiven Aspekte/Erkenntnisse habe ich aus dieser „Entschleunigung“ für mich gewonnen?

 

Ich bin Professorin für internationales und nationales Wirtschaftsrecht an der Hochschule Fulda/Hessen. Privat lebe ich in Oldenburg und pendele während der Semesterzeiten zwischen Fulda und Oldenburg. Die Hochschule Fulda ist eine Hochschule für angewandte Wissenschaften, die darauf ausgerichtet ist, in kleinen Gruppen und mit persönlichem Kontakt zwischen den Studierenden und den Lehrenden zu arbeiten. Sie ist zudem eine Campus-Hochschule, das heißt, Studierende, Lehrende und die Verwaltung arbeiten auf einem Raum in unmittelbarer Nähe zusammen. Grundsätzlich ist dies – wie ich finde – eine sehr förderliche Konstellation. Aufgrund der Corona-Krise wurde für das gesamte Sommersemester 2020 der Präsenzbetrieb abgesagt und wegen der unvermeidbaren Nähe zwischen Bediensteten und Studierenden sogar ein Betretungsverbot für den Campus erlassen. Das Campusverbot wurde erst kurz vor Veranstaltungsbeginn bekanntgegeben. Dies bedeutete, dass ich in sehr kurzer Zeit ein anderes Veranstaltungskonzept entwickeln musste. Dazu gehörte als Erstes die Entscheidung, die eigenen Veranstaltungen online oder „asynchron“ anzubieten. Alle routinemäßigen Abläufe waren fast gänzlich aufgehoben bzw. verändert. Die Verwaltungsmitarbeiter*innen waren zwar per E-Mail und/oder Telefon erreichbar, aber ihr Support kam dadurch stets zeitverzögert.


Ich entschied mich für Online-Veranstaltungen zu den ursprünglich geplanten Vorlesungszeiten, da ich mich bereits im Rahmen meiner Forschungssemester mit sogenannten „web-based-trainings“ befasst hatte. Das von der deutschen Forschungsgesellschaft erarbeitete „virtuelle Klassenzimmer“ war allerdings nicht auf so große Gruppen ausgelegt. Also musste ich zunächst abwarten, für welches Programm sich die IT der Universität Gießen und der Hochschule Fulda entschied. Als das Ergebnis kam, musste sich jede*r Dozent*in allein einarbeiten. Eine Schulung oder ausreichende Zahl von IT-Personal zum individuellen Support gab es nicht. So haben ein Kollege und ich uns via Internet selbst gemeinsam mit dem Programm vertraut gemacht. Gleichzeitig habe ich meine Hilfskraft (eine Studentin) gebeten, mein veranstaltungsbegleitendes Material so weit wie möglich in Aufgaben, die virtuell bearbeitet werden können, umzusetzen. Die Ergebnisse musste ich wiederum kontrollieren, zusätzlich bearbeiten und ergänzen sowie evaluieren.
Somit sitze ich seit Beginn des Corona-Lockdowns in der gesamten Arbeitszeit an meinem Schreibtisch und am Computer und rede in meine Webcam. Die Kommunikation mit den Studierenden erfolgt per E-Mail, die mit der Verwaltung ebenfalls per E-Mail oder Telefon.


In der Zeit vor Corona war ich während des Semesters auf dem Campus anwesend, hatte zu allen Personen realen Kontakt und habe live im Hörsaal gestanden. Meine Arbeit hat sich in Zeiten von Corona physisch von stehend/in Bewegung in sitzend/statisch verwandelt. Meine Tätigkeit ist trotz virtuellem Kontakt sehr isoliert.


Die Studierenden empfinden überwiegend kein „Störgefühl“ bei der virtuellen Lehre, ganz im Gegenteil. Von einigen habe ich den Satz gehört: „Das ist genau meins. Von mir aus könnte das so weitergehen.“ Aber: In meiner größten Veranstaltung habe ich auf eine Präsenzklausur bestanden. Am Tag der Prüfung herrschte fast schon Feierlaune. Es war ein großes Hallo und enormer Gesprächsbedarf. Viele begrüßten auch mich mit den Worten: „Schön, Sie endlich auch mal persönlich zu sehen!“ Vor Prüfungen sind solche „Szenen“ sonst eher selten.


Viele Studierende haben ihre Wohnung gekündigt und wohnen wieder bei Ihren Eltern. Das finde ich persönlich keine so gute Entwicklung, ist aber unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nachvollziehbar. Auch ich habe ein kleines Appartement in Fulda und stehe im Grunde vor derselben Überlegung. Im Gespräch mit meinem Vermieter, der auch einige Studierendenwohnheime betreibt, wurde die Befürchtung geäußert, dass sich Corona auf den Wohnungsmarkt in Hochschulstädten spürbar auswirken wird.


Zunächst ist nunmehr sicher, dass das Wintersemester 20/21 auch virtuell durchgeführt wird und ich rechne angesichts der steigenden Infektionszahlen auch mit einem weiteren „Online-Semester“ im SoSe 21. Gerade eine Campushochschule muss verantwortungsvoll mit dem Infektionsrisiko umgehen.


Das bedeutet für mich konkret, dass ich dann in der Summe drei Online-Semester absolvieren muss, also eineinhalb Jahre ausschließlich im Homeoffice verbracht habe. Der Kontakt zu meinen Kolleg*innen, der ohnehin aufgrund der hohen Individualität einer Professur nicht so ausgeprägt ist, wird sich vermutlich noch mehr minimieren. Der Kontakt zu den Studierenden leidet ebenfalls, weil das Internet meines Erachtens den persönlichen Umgang nicht ersetzen kann.


Die Verwaltung, die sich zunächst unter dem situativen Druck auf viele neue Abläufe einstellen musste und ebenfalls aus dem Homeoffice gearbeitet hat, wird diese Abläufe voraussichtlich nicht mehr ändern wollen, so dass auch der Kontakt zum Mittelbau in Zukunft eher ein technischer sein wird.


Ich kann dieser Entwicklung unter bestimmten Aspekten jedoch auch viel Positives abgewinnen. In der Hochschulverwaltung arbeiten in der Regel viele Frauen. Diese Frauen können nun sehr viel besser im Homeoffice Familie und Beruf miteinander verbinden. Dies war zuvor nur ausnahmsweise möglich, obwohl die Hochschule Fulda als familienfreundliche Hochschule zertifiziert ist. Mit und nach Corona hat sich die Homeoffice-Arbeit als gleichwertige Alternative etabliert. Das hätte sonst wesentlich länger gedauert und mehr Überzeugungsarbeit erfordert.


Für meine Kolleginnen im Professorium trifft dies in einem etwas anderen Gewand auch zu. Zunächst entfallen für die überwiegende Anzahl der Professor*innen die regelmäßigen, meist sehr langen Fahrten zur Hochschule. Die Kolleginnen, die mein Jahrgang sind, haben allesamt keine Kinder. Die jüngeren Kolleginnen haben aber mindestens ein Kind. Für diese Kolleginnen ist die Möglichkeit zur „asynchronen Lehre“ nach meinem Dafürhalten auch ein Gewinn.


Die Corona-Krise und ihre Folgen werden sich auf den Hochschulbetrieb nachhaltig auswirken. Es werden nach meiner Einschätzung wesentlich mehr Online-Elemente erhalten bleiben. Man spricht jetzt schon von „Hybrid-Lehre“. Es wird meines Erachtens einen Mix aus Online- und Präsenzlehre geben. Die Lehrkräfte werden nicht mehr so viel fahren, sondern auch aus dem Homeoffice arbeiten. Die weit überwiegende Zahl meiner Kolleg*innen fährt ähnliche Strecken wie ich. Eine Reduktion der bundesweiten „professoralen Wanderbewegungen“ fände ich auch aus ökologischen Gründen sehr positiv. Die Verwaltung wird sich mehr auf die Ebene des „stillen Supports“ verlagern. Soll heißen, deren unmittelbarer Kontakt mit den Studierenden und den Lehrenden wird weniger werden.


Ein gesunder Mix aus Online- und Präsenzlehre ist aus meiner Sicht sehr zu begrüßen. Dies ermöglicht ein Studium auch in Lebenssituationen, die dies vorher kaum zugelassen haben. Ich denke dabei an Studieren mit Kindern; aus größerer Entfernung, wenn man zum Beispiel aus familiären Gründen nicht am Hochschulstandort leben kann; aber auch nebenberuflich, wenn man die Arbeit aus finanziellen Gründen nicht ganz aufgeben kann.


Ich habe nur ein Kind, das allerdings schon im Erwachsenenalter ist. Ich war die allermeiste Zeit alleinerziehend und als ich mir die Stationen zur Professur erarbeitet habe, gab es so gut wie gar keine Unterstützung oder Verständnis im Hinblick auf Vereinbarkeit von Beruf(ung) und Familie. Das hat mich viel Zeit und Energie gekostet, die man anderweitig – auch gesellschaftlich – viel besser hätte einbringen können. Deshalb hatte und hat dieses Thema für mich bis heute einen sehr hohen gesellschaftspolitischen Stellenwert. Die Möglichkeit zur Homeoffice-Lehre hätte mir die Bewältigung von Beruf und Familie sehr erleichtert. Für mich konkret sind die wöchentlichen Zugfahrten von Oldenburg nach Fulda (ca. 400 km/einfache Strecke) entfallen. Dadurch habe ich einen enormen Zeitgewinn erlangt. Diese Zeit ist für meine Familie und mich.


Die soeben angesprochene freie Zeit habe ich während des Lockdowns für lange Spaziergänge mit meinem Sohn und mit meinem Bruder genutzt, die es vorher kaum gab. So konnte ich die fehlende Bewegung kompensieren und dem drohenden „Lagerkoller“ entgegenwirken. Die gemeinsame Zeit und die Gespräche habe ich sehr genossen und geschätzt.


Die „Entschleunigung“ hat meines Erachtens mehr als nur eine Verlangsamung der täglichen Routinen und Abläufe zur Folge gehabt. Vielmehr hat die Reduzierung der möglichen Aktivitäten dazu geführt, dass man umdenken musste. Ich nehme eine zunehmende Achtsamkeit, Nachsicht und Gelassenheit, ein Ansteigen an Kreativität, Innovation und Flexibilität war. Der zwischenmenschliche Zusammenhalt und Teamgeist wächst und der Leistungsdruck verliert seine Pole-Position. Alte Verkrustungen sind aufgebrochen worden und machen Platz für neue Entwicklungen. Das alles finde ich sehr positiv.


Meine Lehrtätigkeit im „Corona-Semester“ war sehr anstrengend und hat mich sehr viel Kraft, Zeit und Aufwand gekostet. Ich sehe dies jedoch als Investition ist eine neue Zeit, auch für mich persönlich. Die größten Veränderungen haben sich tatsächlich in Bezug auf die Lehre ergeben. Aber was ist mit der Forschung?


Die oben angesprochene Entschleunigung hat sich diesbezüglich als sehr förderlich erwiesen. Forschung braucht eben Zeit zum Nachdenken und Ruhe beziehungsweise die Möglichkeit, sich zurückziehen zu können. Ganz konkret habe ich in diesem einen Semester eine Studentin mit Erfolg zur Veröffentlichung Ihrer Abschlussarbeit bewegen und sie aktiv dabei unterstützen können. Mit einer anderen Studentin habe ich ein neues Buch auf den Weg gebracht. Und eine Ausarbeitung einer Studentin zum Thema „Künstliche Intelligenz und richterliche Entscheidungsfindung“ habe ich beim djb eingereicht. Das ist mehr Forschungsoutput als sonst.

In den ersten Wochen der Corona-Krise habe ich mir ständig Sorgen um die Wirtschaft und die Folgen des Lockdowns gemacht. Das hat mich sehr belastet. Deshalb habe ich versucht, mich mehr auf die positiven Auswirkungen zu konzentrieren. Oder wie Max Frisch sagt:

Krise ist ein positiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.