Corona-Berichte von djb-Mitgliedern


Katharina Miller, LL.M., Madrid, in Stuttgart und Madrid zugelassene Rechtsanwältin und Abogada, Ethikexpertin und Aufsichtsrätin; Mitbegründerin der Boutique 3C Compliance; seit 2004 djb-Mitglied, Mitbegründerin und Vorsitzende der djb-RG-Madrid

Die Berichte orientieren sich an den folgenden Fragen:

  •     Was hat sich an meinem Arbeitsplatz ganz konkret für mich durch Corona geändert?
  •     Sehe ich langfristige Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz zukommen, d.h. „nach“ Corona?
        Und wenn ja, welche?
  •     Welche Auswirkungen hat Corona auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben/Familie für mich?
  •     Welche positiven Aspekte/Erkenntnisse habe ich aus dieser „Entschleunigung“ für mich gewonnen?
     

Seit dem 16. März 2020 wurde auch uns Erwachsenen in Spanien untersagt, unsere Häuser zu verlassen (als Anwältin hätte ich eine Ausnahmegenehmigung gehabt, die ich jedoch nicht in Anspruch nehmen musste).

Mein Mann und ich sind beide selbständig, wir haben auch schon vor Covid-19 von zu Hause aus arbeiten können und von dort aus gearbeitet. Einige unserer spanischen Mandate (v.a. aus der Hotelbranche) wurden eingefroren.

Da meine Kanzlei in einem Horizon 2020 Europaprojekt als Partnerorganisation beteiligt ist und ich u.a. auch für die Europäische Kommission als Ethikexpertin und Gutachterin virtuell tätig bin, hat mich die Krise bisher beruflich (noch) nicht hart getroffen. Auch meine Lehraufträge an den Universitäten kann ich jetzt online ausführen, was ich sehr positiv finde. Meine Tätigkeiten als Aufsichtsrätin haben sich bisher auch nicht eingeschränkt, da die von mir beratenen Unternehmen unsere Aufsichtsratstätigkeit auch schon vor Covid-19 virtuell durchgeführt hatten.

Alle meine Reisen musste ich absagen und für alle Treffen außerhalb Spaniens haben wir bisher eine virtuelle Lösung finden können – ausgenommen eine großartige Veranstaltung der European Women Lawyers Association am EuGH, die für den 9. März 2020 geplant war und die wir erst einmal auf ein noch unbekanntes Datum verschoben haben.

Sehr belastet hat mich, dass Madrid sehr stark von Covid-infizierten Menschen und Toten betroffen ist und war; ich habe einige Freundinnen, deren Väter an Covid-19 gestorben sind und die sich nicht von ihren Familienmitgliedern verabschieden oder die Toten bestatten durften. Wir haben uns allein in Madrid innerhalb von zwei Monaten von 15.000 Menschen verabschieden müssen (Stand 16. Mai 2020). Das schlägt aufs Gemüt.

Ich denke tatsächlich, dass ich in der Zukunft weniger reisen muss, was ich als positiv empfinden würde. Insgesamt sehe ich der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegen: Unsere spanische Wirtschaft ist schon vor Covid-19 tendenziell angespannt gewesen; nun haben wir noch viel mehr Arbeitslose und kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Aktivität einstellen müssen. Ich kann noch nicht einschätzen, wie viele von Frauen geführten Unternehmen betroffen sind. Diesem auf den Grund zu gehen werden interessante Forschungsprojekte nach Covid-19 werden. Außerdem hat uns die Covid-19-Krise vor Augen geführt, wie viele Menschen sozial ausgegrenzt sind, viele von ihnen sind Migrantinnen. Einige dieser Migrantinnen arbeiten für bis zu drei Monate in Madrid oder anderen spanischen Städten und kehren dann wieder in ihre Länder (wie z.B. Moldawien) zurück, um dann wieder für weitere drei Monate in Spanien zu arbeiten. Einige von diesen Menschen sind nach dem 16. März 2020 in Spanien einfach „hängen” geblieben und haben weder Einkommen, Krankenversicherung noch einen legalen Aufenthaltstitel. Es haben sich hier vor unseren Augen wahrhaftige Dramen abgespielt, die wir als Zivilgesellschaft versucht haben aufzufangen.

Beruflich und privat wurde unser Leben seit dem 11. März 2020 auf den Kopf gestellt, denn seit diesem Datum durften meine drei kleinen Söhne (9, 7 und 4 Jahre alt) nicht mehr das Haus verlassen. Erst seit dem 26. April 2020 dürfen wir mit ihnen bis zu einer Stunde am Tag draußen spazieren gehen, wobei immer nur eine erwachsene Person mit bis zu drei Kindern unterwegs sein darf. Das hat natürlich unseren Berufsalltag komplett durcheinandergebracht. Bisher waren meine Söhne von 9:30 bis 16:00 Uhr in der Schule, bisweilen haben uns meine Schwiegereltern unterstützt, v.a. wenn ich auf Reisen war. Seit dem 13. März haben sich meine Söhne und ihre Großeltern nicht mehr gesehen, wobei wir nur 50 Meter voneinander entfernt wohnen. Wir haben die Maßnahmen der spanischen Regierung sehr ernst genommen und ein Treffen vermieden. Meine Schwiegermutter leidet sehr unter dem Eingesperrt- und dem Abgeschnittensein von ihren Enkelkindern.

Es ist sehr anstrengend mit drei kleinen Kindern im Hause zu arbeiten und für wichtige Telefonate habe ich mich mehr als einmal im Badezimmer eingeschlossen. Auf der anderen Seite sind wir privilegiert, weil wir in einem großen Haus mit einem großen Garten auf dem Land im Norden von Madrid leben. Wir müssen unsere drei Söhne mit den täglichen Hausaufgaben betreuen und häufig sitzen wir alle in unserem Büro und führen gleichzeitig Telefonkonferenzen, meine Söhne mit ihren Lehrer*innen und mein Mann und ich mit unseren Mandant*innen. Ich habe das Gefühl, dass ich mehr arbeite und in der digitalen Welt verschwinde, als vor Covid-19. Für mich gibt es keine Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Allerdings haben wir es in den letzten zwei Monaten geschafft, uns einigermaßen aufeinander einzustellen. Da meine Söhne erst im September wieder in die Schule gehen dürfen, bleibt uns auch nichts anderes übrig, als das Beste aus der Situation zu machen.

Ich finde es wunderschön, meine Söhne jeden Abend ins Bett bringen zu können und dass wir jeden Tag drei Mal gemeinsam essen. Wir verbringen so viel Zeit miteinander, wie wir das nur aus dem Urlaub gewöhnt sind. Die Covid-19-Krise hat auch eine kathartische Wirkung auf mich, bezüglich des Konzentrierens auf das Wesentliche im Leben. Ich hoffe sehr, dass unser Gemeinwesen von dieser Krise profitiert und wir in Spanien konstruktiver miteinander umgehen und politische Grabenkämpfe vermeiden. Dasselbe erhoffe ich mir für die Europäische Union. Wir haben uns hier in Madrid sehr im Stich gelassen gefühlt und für mich waren die Diskussionen über die finanzielle Unterstützung Spaniens aus holländischer und deutscher Sicht anfangs sehr schmerzhaft. Ich sehe mit Sorge, dass wir Frauen in dieser Krise v.a. in Deutschland als Expertinnen unsichtbar sind und hoffe, dass auch die Frauen in Spanien, die tagtäglich für uns während der Krise gearbeitet haben, nach der Krise eine „finanzielle Aufwertung und bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege, im Gesundheitswesen, der Erziehung und im Einzelhandel” (siehe Pressemitteilung des djb vom 28.04.2020) erhalten. Ich habe in den letzten zwei Monaten alle Folgen von „The Good Fight” gesehen, und bin nun voller Vorfreude und Tatendrang, diesen „guten Kampf” in der Realität umzusetzen.