Corona-Bericht von djb-Mitgliedern


Franziska Weinreich, Studentin der Rechtswissenschaft an der Universität Hamburg (8. Fachsemester), Mitarbeiterin der Rechtsabteilung der GDBA (Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger), Diplomschauspielerin, djb-Mitglied seit 2020

Die Berichte orientieren sich an den folgenden Fragen:

  •     Was hat sich an meinem Arbeitsplatz ganz konkret für mich durch Corona geändert?
  •     Sehe ich langfristige Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz zukommen, d.h. „nach“ Corona?
        Und wenn ja, welche?
  •     Welche Auswirkungen hat Corona auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben/Familie für mich?
  •     Welche positiven Aspekte/Erkenntnisse habe ich aus dieser „Entschleunigung“ für mich gewonnen?
     

Der Lockdown traf mich am Ende meiner Elternzeit und warf alle Pläne, die wir bis dahin als Familie so sorgsam entworfen hatten, gehörig durcheinander. Schon vor Corona war ungewiss, wie wir die Zeit meines Repetitoriums, die Arbeit meines Mannes als freischaffender Theater- und Filmregisseur und die Fremdbetreuung unserer Tochter organisieren würden. Corona war neu. Die Ungewissheit nicht.
 

Was die Organisation der Betreuung unserer Tochter betrifft, hat uns der Lockdown Glück im Unglück beschert. Zunächst war die Verzweiflung groß, da ich doch endlich ins Repetitorium starten wollte und die geplante Eingewöhnung in die Kita nun unsicher war. Wir befanden uns zur Zeit des Lockdowns in Oldenburg, wo mein Mann eine ortsgebundene Drehbuchförderung erhalten hatte. Hier wohnt auch die Familie meines Mannes, auf deren Schultern wir die fehlende Betreuung verteilen konnten. Mein Repetitorium findet seit dem Lockdown – erst ausschließlich, jetzt alternativ zu präsenten Veranstaltungen – digital statt. Dies ist für mich ein Geschenk. Ich kann zuhause, ohne langen Fahrtweg, am Repetitorium teilnehmen (geplant war, meine Tochter in Oldenburg von meiner Schwiegermutter betreuen zu lassen und nach Hamburg zu den Veranstaltungen des Repetitoriums zu pendeln); mehr noch, ich kann, sollte ich verhindert sein (Eingewöhnung, Kind krank), die Veranstaltungen online nachhören und nacharbeiten.
 

Aber dieses flexible „Homelearning“ bringt den nicht unerheblichen Nachteil mit sich, dass ich eine sehr einsame Examensvorbereitung durchlebe. Ich habe hier in Oldenburg keine Lerngruppe, ich arbeite zwar organisiert, aber ich arbeite allein –Einsamkeit ist seit der Mutterschaft ohnehin ein großes Thema. Ich bin glücklich und dankbar, dass meine Tochter ein gutes Umfeld hat, bedarf es doch für die Erziehung eines Kindes eines ganzen Dorfes. Meine Tochter hat endlich ein solches Dorf. Aber mein „juristisches Dorf“ ist in Hamburg geblieben.
 

Zudem arbeite ich in Teilzeit als juristische Mitarbeiterin in der Rechtsabteilung einer KünstlerInnengewerkschaft. Auch aus dem Homeoffice. Ich habe ab 2007 eine Ausbildung als Diplomschauspielerin absolviert und war über meinen Studienbeginn an der Universität Hamburg 2015 hinaus als Schauspielerin und Theatermusikerin an verschiedenen Theatern in Deutschland engagiert. In der Gewerkschaft hat Corona unser Arbeitspensum aufgrund vermehrter Anfragen drastisch erhöht. Insbesondere die Situation der soloselbstständigen KünstlerInnen ist verheerend. In der Theaterbranche sind mündliche Zusagen zu Engagements üblich, oft wird bereits geprobt, bevor überhaupt ein Vertrag vorliegt, geschweige denn unterschrieben ist. Dies erschwert eine Geltendmachung von Ansprüchen oft. Den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Mitglieder aus dem „einsamen“ Homeoffice gerecht zu werden, ist eine Herausforderung.
 

Corona hat die Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsräumen verwischt. Das schafft neue Hybridräume. Ich bin flexibler in der Organisation meines Familienlebens. Es bedeutet aber auch, dass mein Familienleben in Bereiche vordringt, die vor der Pandemie klar meinem Studium und meiner Arbeit gehörten. Ich muss diesen Raum, den meine Examensvorbereitung einnimmt, hart und vehement verteidigen. Die Wände unserer Wohnung sind dünn und ich bin täglich zerrissen zwischen der Sehnsucht nach meiner Tochter und der Leidenschaft für mein Studium. Diese Zerrissenheit träfe mich nicht, wenn ich in täglich in den Zug steigen würde und einfach „weg“ wäre.
 

Der Lockdown hat uns zunächst vor existenzielle Herausforderungen gestellt. Zugesicherte Inszenierungen meines Mannes wurden abgesagt. Ich fühlte mich als Frau und Mutter durch Corona auf mehreren Ebenen getroffen. Haben sich durch die Geburt meiner Tochter und die damit verbundene Organisation der Sorgearbeit auch schon ohne Corona große Fragen und Enttäuschungen hinsichtlich eines „gleichberechtigten Alltags“ aufgetan, wurde mir meine Abhängigkeit von der Lohnarbeit meines Mannes, der mit seinem Gehalt unsere Familie ernährt, noch deutlicher vor Augen geführt.