Corona-Berichte von djb-Mitgliedern


Richterin am Landgericht Oldenburg, 42 Jahre alt, vier Kinder, arbeitet in Teilzeit (3/4). Tätigkeit an zwei Landgerichtskammern und im Produktmanagement des niedersächsischen Justizministeriums für die Entwicklung der elektronischen Akte

Die Berichte orientieren sich an den folgenden Fragen:

  •     Was hat sich an meinem Arbeitsplatz ganz konkret für mich durch Corona geändert?
  •     Sehe ich langfristige Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz zukommen, d.h. „nach“ Corona?
        Und wenn ja, welche?
  •     Welche Auswirkungen hat Corona auf die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben/Familie für mich?
  •     Welche positiven Aspekte/Erkenntnisse habe ich aus dieser „Entschleunigung“ für mich gewonnen?
     

Seit dem 23. März 2020 gilt in Niedersachsen für Richter*innen die Empfehlung (zwischenzeitlich, zunächst als Anordnung formuliert) von zu Hause aus zu arbeiten und nur zum Austausch von Akten bzw. für wesentliche Dienstgeschäfte das Gerichtsgebäude zu betreten. Gleichzeitig wurde für die ersten Wochen ein Notdienst eingerichtet, der die Post-Sichtung übernommen hat, da der Dienstbetrieb zunächst allein auf eilige Sachen heruntergefahren wurde.

Ich selbst war ab dem 23. März 2020 für die ersten fünf Wochen der Corona-Krise für diesen Notdienst eingeteilt, so dass ich tatsächlich fast jeden Tag im Gerichtsgebäude war. Ich konnte aber meine eigenen Aufgaben weniger erledigen, als dies normalerweise der Fall gewesen wäre, weil der Notdienst, der im Wesentlichen aus einer recht umfangreichen Post-Sichtung bestand, zeitlich auch erheblichen Raum einnahm. Inzwischen ist insoweit eine Art neuer „Normalbetrieb“ eingekehrt, da alle Kammern des Gerichts wieder ihre eigene Post bekommen. Im Übrigen habe ich sehr viel mehr von zu Hause aus gearbeitet, als ich dies normalerweise tue, wobei ich insoweit gegenüber Kolleg*innen in einer privilegierten Position bin und war,  als ich bereits vor der Corona-Krise teilweise von zu Hause aus gearbeitet habe und  insofern bereits alle Berechtigungen und Freischaltungen hatte, um nahtlos von zu Hause aus arbeiten zu können. Insgesamt gilt hier aber immer die Einschränkung, dass wir in Deutschland im Gerichtswesen nach wie vor im Wesentlichen mit Papierakten arbeiten.

Ich habe auch ohne Corona zwei feste Skype-Telefonkonferenzen in der Woche im Rahmen meiner Tätigkeit für die Pilotierung, Implementierung und Entwicklung der digitalen Akte; jetzt in der Corona-Krise sind es mindestens vier in der Woche. Die Corona-Krise hat den Druck auf die Entwicklung erheblich erhöht, da sich nun auch viele derjenigen Kolleg*innen, die sich dies bislang nicht vorstellen konnten, eine digitale Akte wünschen, die den Aktentransport vom Gericht nach Hause obsolet machen würde. Das Justizministerium will diese günstige Stimmung verständlicherweise nutzen und verstärkt den zeitlichen Druck erheblich

Meine Kammerkolleg*innen habe ich ebenfalls über Wochen nur über Skype gesehen, Treffen sind, wenn überhaupt, eher zufällig im Gerichtsgebäude, da die wesentliche Arbeit von zu Hause aus erfolgt.

Langfristig gehe ich davon aus, dass eine erheblich höhere Akzeptanz der Heimarbeit als echter Arbeit verbleiben wird und die Möglichkeiten der Heimarbeit erheblich verbessert werden (besprochen wird derzeit beispielsweise die Beschaffung von Laptops mit größeren Bildschirmen). Zu hoffen bleibt, dass auch bei einem höheren Anteil der Heimarbeit der Zusammenhalt im Kollege*innenkreis erhalten bleibt.

Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist durch den schulischen Heimbetrieb mittels über das Internet gestellter Aufgaben vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Ich habe vier Kinder (17, 15, 13 und 11 Jahre) und habe den großen Vorteil, dass keines meiner Kinder mehr wirklich klein ist und sie sich im ersten Schritt gegenseitig helfen können  – und dies auch gut klappt.

Nichtsdestotrotz sind an so ziemlich jedem Tag kleinere Katastrophen irgendeiner Art (die Aufgabe erfordert ein DIN-A2-Plakat, aber die Schreibwarenläden sind geschlossen, das für die Aufgabe erforderliche Video lässt sich nur ohne Ton abspielen, das Internet erlaubt die Klassenvideokonferenz nur in erheblich verminderter Qualität etc.) zu lösen, die meine Mithilfe erfordern. Und sei es nur, um den Weg zur selbständigen Problemlösung zu weisen oder die völlige Verzweiflung abzuwenden. Dies führt zu häufigen Unterbrechungen meiner Arbeit. Dadurch verteilt sich meine Teilzeitarbeit im Moment bruchstückhaft über den gesamten Tag bis in den Abend, was etwas unbefriedigend ist.

Im privaten Bereich ist auf jeden Fall positiv, dass mein Mann, der sonst eigentlich in jeder Woche geschäftlich für mehrere Tage ortsabwesend ist, seit Beginn der Corona-Krise und bislang mit unabsehbarem Ende zu Hause ist und von zu Hause aus arbeitet, was für uns alle mehr Zeit zusammen bedeutet. Zusätzlich verbringe ich natürlich viel mehr Zeit mit meinen Kindern im Teenager-Alter als unter anderen Vorzeichen wohl überhaupt denkbar gewesen wäre. Im beruflichen Bereich hat die Corona-Krise nach meinem Gefühl der ohnehin bereits aufgrund der rechtlichen Vorgaben erforderlichen Digitalisierung einen erheblichen Schub verpasst und die Akzeptanz erheblich verbessert.