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Der djb von 1948 bis 2003

ai-Sonderausgabe 2003
Vorwort zur ersten Auflage

Liebe Kolleginnen,

nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern. Umso verblüffender war für mich die Erkenntnis, daß nichts so aktuell ist, wie die „Aktuellen Informationen“ des djb aus den letzten 50 Jahren.

Anfangs hießen sie freilich noch „Rundschreiben“ und waren von der 1. Vorsitzenden mit vielen Durchschlägen selbst getippte Briefe, später immerhin blaugraue Abzüge von Wachsmatrizen, mit denen die Mitglieder über die aktuelle Sach- und Vorstandsarbeit des djb informiert wurden. 1988 mutierten diese Rundschreiben und Sonderrundschreiben zu gedruckten, umfangreicheren Heften mit ausführlicher Berichterstattung und Kommentierung, Ab 1990 hießen Sie „Aktuelle Informationen“. Die redaktionelle Gestaltung und Verantwortung übernahm Dr. Moni Zumstein, die sich damit in der Geschichte des djb einen bleibenden Namen erworben hat, denn diese Form der Information wurde über viele Jahre von den Mitgliedern liebevoll nur „Monis Blättchen“ genannt. Ein erster Versuch, unserer Verbandszeitschrift ein neues Hochglanzoutfit zu verpassen, wurde zum Unikat: Die Ausgabe 1/1997 zeigt auf der Titelseite ein djb-Logo, das zahlreiche Leserinnenbriefe überwiegend mißfälligen Inhalts auslöste. Schon in der Ausgabe 2/1997 wurde es deshalb durch das Logo ersetzt, mit dem wir uns seitdem wohl alle identifizieren können.

Mit diesem Gesicht, aber mit außergewöhnlichem Inhalt präsentieren sich Ihnen die „Aktuellen Informationen“ heute erstmals in einer Sonderausgabe. Der 50. Geburtstag des djb ist Anlaß genug, die Arbeit eines halben Jahrhunderts und ihre Darstellung nach innen und nach außen Revue passieren zu lassen. 

Trotz der Vielfalt der Themen, die der djb aufgegriffen, der rechtlichen und tatsächlichen Probleme, die er angefaßt hat und der Stellungnahmen, die er zu grundsätzlichen Fragen abgegeben hat, ist in allen Arbeiten und allen Äußerungen von Anfang bis heute ein Grundtenor gleichgeblieben. Er drückt sich für mich in dem Satz aus, mit dem Dr. Elisabeth Selbert, „die“ Mutter des Gleichberechtigungssatzes in unserem Grundgesetz, ihren Redebeitrag auf dem Frauenkongreß 1920 (!) begann, und der noch immer von erschreckender Aktualität ist: „Ein Gedanke... hat meine besondere Beachtung gefunden: nämlich der, daß wir zwar heute die Gleichberechtigung für unsere Frauen haben, daß diese Gleichberechtigung aber immer noch eine rein papierne ist. Wir müssen dahin wirken, daß die Gleichberechtigung in der Praxis bis zur letzten Konsequenz durchgeführt wird.“

Auf diesem Weg sind wir gewiß ein Stück vorangekommen. Manche der Forderungen, wie etwa auf das Recht der Frauen, ihren Geburtsnamen beizubehalten, auf Beseitigung des Letztentscheidungsrechts des Vaters, auf Teilzeitarbeit und Erziehungsurlaub oder auf Anerkennung von Familienarbeit in der Rentenversicherung, die schon in den ersten Jahren erhoben wurden, konnten, wenn auch erst Jahrzehnte später, nach stetiger und beharrlicher Wiederholung ganz oder jedenfalls in Ansätzen durchgesetzt werden. Viele der Forderungen sind aber noch immer offen, wie etwa die nach einer Steuerreform und Individualbesteuerung der Ehegatten und nach Lohngleichheit. Beides hat der djb schon 1949 mit begründeten Stellungnahmen für die Frauen reklamiert; beides ist trotz beharrlichen Nachsetzens bis heute nicht eingelöst.

Die Geschichte unserer Arbeit, die Ihnen dieses Heft im Zeitraffertempo vor Augen führt, wird Sie, liebe Kolleginnen, davon bin ich überzeugt, mit Stolz erfüllen, aber auch mit einem guten Teil Zorn. Denn es bleibt die Erkenntnis, daß wir zwar viel erreicht  haben, aber nochviel zu tun ist.

Diese Sonderausgabe verdanken wir insbesondere zwei Kolleginnen: Unsere frühere Vorsitzende, langjährige ehrenamtliche Geschäftsführerin und jetzige Ehrenvorsitzende, Dr. Hertha Engelbrecht hat wochenlang die Rundschreiben und Informationen aus den Jahren 1948 bis 1988 gesichtet und Auszüge ausgewählt, die sowohl den Zeitgeist widerspiegeln, als auch die Sachthemen veranschaulichen, mit denen sich der djb im Laufe der Jahre befaßt hat und vielfach noch immer befassen muß. Unsere Geschäftsführerin Martina Bosch hat sich überobligatorisch, in mühevoller und aufwendiger Arbeit durch das Archiv des djb gewühlt. Herausgekommen ist eine eindrucksvolle Übersicht über alle Vorsitzenden, alle Ausschüsse und Kommissionen einschließlich ihrer jeweiligen Vorsitzenden, über die Arbeitstagungen, ihre Themen und Referentinnen, über alle Stellungnahmen und Presseerklärungen des djb und alle Bücher, die der djb herausgegeben hat. Nicht zuletzt hat Martina Bosch für jedes Jahrzehnt eine dem jeweiligen Abschnitt vorangestellte Übersicht verfaßt, in der die Aktivitäten des djb auf die für den Zeitraum wesentlichen und typischen komprimiert sind.

Beiden sei ganz herzlich gedankt. Sie haben uns allen, als Mit-Jubilarinnen, ein wahres Geburtstagsgeschenk gemacht.

Zu danken ist auch Dr. Moni Zumstein, die sich um die Auswertung „ihrer“ Ausgaben der Aktuellen Informationen für die Zeit seit 1988, das (vorläufig) letzte Jahrzehnt gekümmert hat.

Wenn dennoch vereinzelt weiße Flecke geblieben sind, dann deshalb, weil das Archiv selbst nicht vollständig ist. Nicht alle Vorsitzenden, insbesondere in der Frühzeit des djb, waren zugleich auch sorgfältige Sammlerinnen, und so findet sich in den damals noch von Hand zu Hand weitergereichten Akten manche Lücke. Beispielsweise fehlen Unterlagen über die 9. Arbeitstagung im Jahre 1957 völlig. Oder es lassen sich die persönlichen Daten bis hin zu den Vornamen einiger unserer Vorkämpferinnen nach Aktenlage nicht mehr feststellen. Ich nehme deshalb die Gelegenheit wahr, alle diejenigen, die sich noch im Besitz früher Dokumente befinden, herzlich um Hilfe zur Vervollständigung des Archivs des djb zu bitten.

Sie werden beim Lesen dieses Heftes feststellen, daß es sich lohnt, unsere Geschichte zu bewahren.

Ihre
Ursula Nelles
1. Vorsitzende