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Vergessene Juristin: Nora Platiel (1896-1979)

Rechtsanwältin, Landgerichtsdirektorin, Landtagsabgeordnete
in: "Recht und Politik" 2/2010, S. 118ff.*

In den Vierteljahresheften "Recht und Politik" wird seit 2006 in (fast) jedem Heft ein verdienter, aber zu Unrecht in Vergessenheit geratener Jurist vorgestellt. Nora Platiel ist nun die erste Juristin in dieser Reihe.

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Vergessene Juristinnen:

Nora Platiel, Rechtsanwältin, Landgerichtsdirektorin, Landtagsabgeordnete

von Anke Gimbal, Bundesgeschäftsführerin des djb, Berlin

Ist Nora Platiel vergessen? Schließlich war sie von 1954 bis 1966 Mitglied des hessischen Landtags, als erste Frau dort stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, Mitglied des Staatsgerichtshofs, und sie erhielt 1969 die Leuschner-Medaille des Landes Hessen. Google Maps findet zwei Straßen, in Kassel – gleichzeitig die Adresse der Universität Kassel – und in Lohfelden, die nach ihr benannt sind. Doch in Buch und Ausstellung „Anwalt ohne Recht“, herausgegeben von der Bundesrechtsanwaltskammer, bzw. „Zeit ohne Recht“, herausgegeben vom Bochumer Anwalt- und Notarverein, sucht man sie vergebens. Und doch war sie bis März 1933 Rechtsanwältin in Bochum. Sie war die erste Frau, die in dieser Stadt 1931 eine Anwaltskanzlei eröffnete.

35 Jahre vorher, am 14. Januar 1896, wurde Nora Platiel – damals Eleonore Block, genannt Nora – als achtes von zehn Kindern in Bochum geboren.[1] Die Eltern Therese und Bendix Block, liberale Juden, betrieben in der Bochumer Innenstadt ein Konfektionsgeschäft. Über dem Laden wohnte die Familie. Zu den Erziehungszielen der Eltern gehörten Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein; jüdische Traditionen, das Einhalten der Feiertage, der Besuch der jüdischen Volksschule und der Synagoge waren Teil des Familienlebens. 1915 starb der Vater, was Nora Block schwer traf und die Familie in gravierende finanzielle Schwierigkeiten stürzte. Drei der Brüder kämpften im Krieg und der Hauptteil der Arbeit zu Hause blieb an Nora Block hängen. Sie verzichtete (zunächst) auf Schule und Abitur, stattdessen half sie ihrer Mutter im Geschäft, das jedoch trotz aller Anstrengungen 1917 Bankrott war. Nora Block meldete sich für den Hilfsdienst nach Rumänien und arbeitete bis zum Kriegsende im November 1918 im Rahmen des internationalen Kriegshilfsdienstes als Sekretärin eines Offiziers, der für das rumänische Feldeisenbahnwesen zuständig war.

Nach Ende des Weltkriegs ging Nora Block nach Berlin und wurde Sekretärin von Helene Stöcker, der Gründerin und ersten Vorsitzenden des "Deutschen Bundes für Mutterschutz“, und auch von Elisabeth Rotten, die 1918 die „Deutsche Liga für den Völkerbund“ mitgegründet hatte und Geschäftsführerin und Leiterin der pädagogischen Abteilung der Liga war. Nora Block sammelte erste politische Erfahrungen. Frauenrechte, Sozialismus und Frieden gehörten von nun an zu ihren politischen Zielen. Sie engagierte sich in der SPD, der sie 1922 beitrat. Die weitere Arbeit als Privatsekretärin bei Ernst Schlesinger bot ihr die finanzielle Grundlage zur Vorbereitung auf das Abitur, das sie 1922 in Berlin bestand. Sie begann ein Studium der Nationalökonomie in Frankfurt am Main, wechselte jedoch bald nach Göttingen, um dort Jura und Rechtsphilosophie zu studieren. Ihr Ziel war, Rechtsanwältin zu werden, um sich „für die Durchsetzung des Rechts in der Gesellschaft einzusetzen“.[2]

Noch 1896 hatten Frauen nach zähem Ringen an preußischen Universitäten nur einen Status als Gasthörerinnen erreichen können. 1918 bestimmten dann Art. 109 Abs. der WRV "Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten" und Art. 128 Abs. 1 und 2 WRV "Alle Staatsbürger ohne Unterschied sind nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihren Leistungen zu den öffentlichen Ämtern zuzulassen. Alle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte werden beseitigt." Mehrere Jahre brauchte es, den vehementen Widerstand der Behörden, Ministerien und Juristenverbände wenigstens auf juristischer Ebene zu beseitigen. Schließlich kam der Deutsche Richterbund noch 1921 auf seiner Tagung in Leipzig mit 250 zu fünf Stimmen zu dem Ergebnis, dass sich die Frau weder zur Rechtsanwaltschaft noch zum Richteramt eigne.[3] 1922 eröffnete schließlich das „Gesetz über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen in der Rechtspflege“ auch Frauen den Zugang zum Staatsexamen und zum Richteramt, zur Staatsanwaltschaft und zur Rechtsanwaltschaft. Von Gleichbehandlung und konsequenter Umsetzung dieses Gesetzes konnte dennoch keine Rede sein. Jede einzelne Frau musste sich die Zulassung als Rechtsanwältin oder die Anstellung als Richterin erkämpfen.

Nora Block – die bereits durch ihre Tätigkeit für Helene Stöcker Zugang zur Frauenbewegung und zum Kampf für Frauenrechte hatte – hielt dies weder vom Jurastudium noch von ihrem Berufswunsch ab. Während ihres Studiums arbeitete sie aktiv in der Göttinger Ortsgruppe des Internationalen Jugendbunds (IJB). Sie hatte Leonard Nelson, den – zusammen mit Minna Specht – Gründer und Leiter des IJB, bereits 1919 kennengelernt und schätzte ihn sehr. Sein Tod 1927 traf sie außerordentlich. Philosophie und Praxis bildeten für Nelson eine Einheit. Er konzipierte einen ethisch begründeten Sozialismus nach dem Vorbild des Marburger Neukantianismus – und im Gegensatz zu den geschichtsphilosophischen Aspekten des Marxismus – und forderte eine ethische Lebensführung. Die IJB-Mitglieder waren zur aktiven Mitarbeit in den Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung verpflichtet. Nelson hielt die Ausbildung kritikfähiger, engagierter junger Menschen für eine unerlässliche Voraussetzung zur Erreichung sozialistischer Ziele. Nora Block übernahm viele Aufgaben im IJB und wurde zu einem anerkannten Mitglied der Gruppe. Sie vertrat diese beispielsweise1924 in Oxford bei einer internationalen Sommerschule der Gewerkschaften, beteiligte sich an der Pressearbeit und verfasste Aufsätze, u.a. für das isk – Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampf Bundes des sozialistischen Kampfes. Der ISK (Internationaler Sozialistischer Kampfbund) konstituierte sich Anfang 1926 als selbständige politische und Nachfolgeorganisation des IJB, da Konflikte zwischen dem IJB und dem Vorstand der SPD 1925 zum Ausschluss der IJB-Mitglieder aus der SPD geführt hatten.

1927 bestand Nora Block ihr Referendarexamen in Celle. Sie absolvierte das Referendariat am Landgericht Bochum. Die Anwaltsstation verbrachte sie bei dem Sozialdemokraten und ISK-Mitglied Dr. Erich Lewinski, der von 1923 bis 1933 in Kassel als Rechtsanwalt niedergelassen war. Lewinski trat als Verteidiger in zahlreichen politischen Prozessen auf und wurde zu einem der Gegner von Roland Freisler, damals ebenfalls Rechtsanwalt in Kassel. Auch Nora Block wurde in laufenden Verfahren von Freisler attackiert. In dieser Zeit lernte sie auch Georg August Zinn kennen, der ebenfalls in Göttingen studiert hatte und sich 1931 als Rechtsanwalt in Kassel niederließ. Seit 1929 war er als SPD-Abgeordneter Mitglieder der Kasseler Stadtverordnetenversammlung.

1931 bestand sie ihr Assessorexamen. Im Oktober 1931 eröffnete Nora Block als erste und auf Jahre hinaus einzige Anwältin ihre Kanzlei in Bochum. Sie wohnte wieder bei der Mutter, baute eine aktive Ortsgruppe der ISK auf und leitete diese. U.a. war sie Strafverteidigerin in politischen Prozessen. Davon gab es viele, auch in Bochum. "Der Kaiser ging, es blieben seine Juristen" heißt es – Richterschaft und Staatsanwälte der Weimarer Republik waren mehrheitlich antidemokratisch und reaktionär orientiert und Kommunisten, Sozialisten und Antifaschisten wurden mit besonderer Härte verfolgt. Zum Vergleich: 1919 bis 1922 wurden 22 Morde „von links“ mit 38 Verurteilungen, davon zehn Hinrichtungen geahndet. Demgegenüber standen 354 Morde „von rechts“ mit 24 Verurteilungen, keine Hinrichtung.[4] 1924 entstand aus schon bestehenden Aktionsgruppen die Rote Hilfe Deutschlands (RHD).[5] Sie verstand sich – so auch die Satzung – als überparteiliche Hilfsorganisation zur Unterstützung „proletarischer Klassenkämpfer, die wegen einer aus politischen Gründen begangenen Handlung oder ihrer politischen Gesinnung in Haft genommen“ wurden. Die Unterstützung, darunter Rechtsschutz, wurde also nicht nur KPD-Mitgliedern gewährt. Von 1919 bis 1933 arbeiteten ca. 350 Rechtsanwälte als politische Strafverteidiger in zahlreichen Prozessen für oder im Auftrag der Roten Hilfe, darunter auch Nora Block und fünf weitere deutsche Rechtsanwältinnen[6] sowie ein Bochumer Anwaltskollege, Dr. Wilhelm Rosenbaum. Die Arbeit bestand aus Strafverteidigung, Vertretung der Nebenklage, Haftbesuchen, Mitarbeit in Untersuchungsausschüssen, Mitarbeit an der politischen und juristischen Schulung und der Ausarbeitung von Rechtsliteratur. Das Motiv für die Anwälte, Mandanten zu vertreten, mit denen sie mehrheitlich weder die politischen Ziele noch das gleiche kulturell-gesellschaftliche Milieu verband, war der Konsens darüber, dass Grundfreiheiten und Menschenrechte auch für Linke galten. Die Verteidigung der Demokratie, die Kritik an der reaktionären Justizpraxis, an den Urteilen gegen Meinungsfreiheit und an der Sondergerichtsbarkeit brachte diese Anwälte dazu, für wenig Geld und mit hohem Aufwand jene zu unterstützen, die dem Faschismus entgegentraten oder seine Opfer wurden.

Der Anteil von Jurist(inn)en jüdischer Herkunft war mit ca. 60 Prozent noch einmal höher als der Anteil von Juden unter den Juristen insgesamt. In Zahlen heißt dies: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung des Deutschen Reiches betrachtete sich 1933 als jüdisch. Von den etwa 19.200 zugelassenen Rechtsanwält(inn)en wurden etwa 5.000 von den Nationalsozialisten als „nichtarisch“ definiert. 26 Prozent der Rechtsanwält(inn)e(n) waren somit Juden oder jüdischer Herkunft – mit großen regionalen Unterschieden, denn in Berlin handelte es sich um ca. 54, in Bochum um ca. 17,2 Prozent der Anwaltschaft. Nora Block hatte Anfang 1933 am Landgericht Bochum 23 Rechtsanwaltskollegen, die Juden oder jüdischer Herkunft waren. [7]

Nicht allein die Tatsache, dass ein Anwalt oder eine Anwältin, die im Handbuch der Roten Hilfe stand, schon 1930 mit einem Ehrengerichtsverfahren vor der Anwaltskammer zu rechnen hatte. In Bochum, der Hauptstadt des am 4. Januar 1931 gegründeten Gaus Westfalen-Süd mit einer NSDAP-Mitgliederzahl im April 1932 von rund 35.000, entwickelte sich die Situation wie im übrigen Deutschen Reich für Juden, Sozialisten, Demokraten und Kommunisten höchst unerfreulich. Mit der "Machtübernahme" Ende Januar 1933 bemühte sich die NSDAP um die entscheidenden Machtpositionen auch in Bochum. Der Polizeipräsident verlor Mitte Februar sein Amt. Unter dem Vorwand des Reichstagsbrands zwei Tage zuvor wurden am 29. Februar 1933 mit der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ zahlreiche Grundrechte außer Kraft gesetzt. U.a. führte die Aufhebung des Art. 114 WRV („Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“) zu mehr als 100.000 Verhaftungen im Jahr 1933, zur sogenannten „Schutzhaft“.[8] Die kommunistische und sozialdemokratische Presse wurde auch in Bochum verboten, die erste Verhaftungswelle richtete sich vor allem gegen kommunistische Funktionäre. Bis zum 5. März wurden in Bochum rund 100 KPD-Mitglieder verhaftet oder von der SA verschleppt. Auch Nora Block drohte die Verhaftung. Sie hatte im Januar 1933 vom Vorsitzenden des Anwaltsvereins Mitteilung erhalten, dass gegen sie ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden solle, weil sie öffentlich von "der Klassenjustiz der Weimarer Republik" gesprochen habe. Sie erhielt eine Verwarnung, ein Verfahren wurde nicht eröffnet. Es folgte ein Brief von Freisler, der inzwischen zum Leiter der Personalabteilung im preußischen Justizministerium avanciert war und dessen Plan die "rigorose Säuberung der Justiz und der Anwaltschaft" war. Er forderte Nora Block auf, sich dem Regime gegenüber loyal zu verhalten oder aus der Anwaltschaft auszuscheiden. Genossen warnten sie, in Bochum zu bleiben. Nora Block flüchtete daher Anfang März nach Paris, den gültigen Pass hatte sie sich unter einem Vorwand beschafft.

Die folgenden, gegen Juden und jüdische Juristen gerichteten Maßnahmen, Schikanen und Verbote, gerechtfertigt mit „alljüdischer Greuelpropaganda“, dem „anmaßenden Auftreten jüdischer Rechtsanwälte“[9], trafen Nora Block nicht mehr unmittelbar – wenn man davon abgesieht, dass die Nationalsozialisten sie zwangen aus Deutschland zu fliehen, ihren Beruf aufzugeben, sie sich jahrelang verstecken und unter schwierigsten Bedingungen leben musste. Aber sie überlebte. Mindestens sechs ihrer jüdischen Bochumer Anwaltskollegen wurden von den Nationalsozialisten ermordet, darunter auch Dr. Wilhelm Rosenbaum. Zwölf weiteren außer Nora Block gelang die Flucht, von denen vier, einschließlich Nora Block, nach Deutschland zurückkehrten.

In Paris lebte Nora Block in einem Netzwerk von Flüchtlingen, von denen viele ISK-Mitglieder waren, und betätigte sich aktiv in der dortigen ISK-Gruppe. Viele der Flüchtlinge kannten sich schon lange und konnten sich aufeinander verlassen. Auch Lewinski, dem die Verhaftung drohte, nachdem er sich bei der Verteidigung politisch Verfolgter mit Freisler angelegt hatte, und seine Ehefrau Eva lebten nun in Paris. Ab Anfang 1934 war Paris die Auslandszentrale des ISK und dort wurde dessen Zeitschrift „Sozialistische Warte“ herausgegeben, an der Nora Block mitarbeitete. Auch mit Ruth Fabian arbeitete sie in dieser Zeit eng zusammen. Fabian hatte in Berin Jura studiert, sie war SPD-Mitglied und floh 1935 zusammen mit ihrem Ehemann Walter Fabian nach Verhaftungsversuchen der Gestapo über die Tschechoslowakische Republik nach Paris. Sie betrieb in Paris ein "Bureau international de documentation", das zum Ziel hatte, die französische Öffentlichkeit über die Ereignisse in Deutschland zu informieren.

Frauen hatten auch in dieser Situation einen schweren Stand. Eva Lewinski und Hanna Fortmüller, ab 1938 die Leiterinnen der ISK-Gruppe, wurden von den Männern „in der sozialistischen Bewegung und vor allem in der Gewerkschaftsbewegung (...) doch nicht ganz voll genommen“[10]. Obendrein musste Nora Block aufgrund ihrer politischen Aktivitäten ständig mit Ausweisung rechnen. Dennoch engagierte sie sich zusätzlich und gemeinsam mit ihrer Schwester und ISK-Mitglied Herta Walter, die ebenfalls mit ihrer Familie aus Deutschland nach Paris geflohen war, in jüdischen Hilfsorganisationen.

Nora Block wurde schwanger und brachte ihren Sohn Roger am 2. Januar 1934 zur Welt, nachdem die Beziehung zum Vater des Kindes bereits zerbrochen war. Nachdem sie im September 1933 zunächst eine Stelle als Redaktionssekretärin bei Leopold Schwarzschilds Exilzeitschrift "Das neue Tagebuch" inne hatte, arbeitete sie von April 1934 – ihr Sohn war vier Monate alt und sie musste ihn, um ihre finanzielle Lebensgrundlage und seine Betreuung sicherzustelllen, in einem Heim für Emigrant(inn)enkinder unterbringen – bis 1939 als Juristische Beraterin bei der Firma "Omnium Métallurgique". Ihren Sohn brachte sie im Sommer 1936 aus Angst vor dem Krieg und zu seiner Sicherheit in Minna Spechts Exilschule in Dänemark unter. Minna Specht hatte seit 1922 die Leitung des von Nelson gegründeten Landerziehungsheims Walkemühle bei Melsungen in der Nähe von Kassel bis zu dessen Besetzung und Auflösung durch die Nationalsozialisten im Mai 1933 inne. Mit einem Teil der Schüler(innen) floh sie 1933 nach Dänemark und errichtete dort eine Schule für Kinder deutscher Emigranten. Im November 1938 emigrierte sie mit der Schule nach England. 1940 wurden alle Deutschen in England interniert, die Schule wurde aufgelöst. Nora Blocks Sohn Roger kam zu einem englischen Ehepaar, das mit dem ISK sympathisierte. Sie sah ihn erst nach 1946 wieder.

Nach dem deutschen Einmarsch in Belgien im Mai 1940 wurden von einer dritten Internierungswelle auch die ISK-Mitglieder erfasst. Nora Block wurde zusammen mit anderen Frauen, die sich aus Paris kannten, darunter ihre Schwester Herta und Eva Lewinski, in derselben Baracke im Internierungslager "Camp de Gurs" interniert, diesem größten der franzöischen Lager, in das nach dem Waffenstillstand ca. 20.000 Juden verschleppt und unter erschreckenden Bedingungen interniert, später nach Polen deportiert wurden. Sie mussten bei Hunger und Kälte in überfüllten Baracken hausen und sogar auf den Fußböden schlafen. Allein im Winter 1940/41 starben 800 Gefangene. Auch hier wurden Nora Block und andere politische Emigrantinnen aktiv. Nora Block übersetzte für die Frauen Briefe und andere Schriftstücke.

Die Einnahme von Paris und das Näherrücken deutscher Truppen veranlassten Nora Block, Eva Lewinski, Herta Walter und andere am 23. Juni 1940 – einen Tag, nachdem die Vichy-Regierung sich verpflichtet hatte, Flüchtlinge „auf Verlangen“ auszuliefern – zur Flucht nach Montauban, das jenseits der Demarkationslinie lag. Nora Block übernahm dort die Leitung eines Büros des CAR (Comité d’Assistance aux Refugies), das vom Schweizer Arbeiterhilfswerk (SAH) unterstützt wurde. Sie lernte dessen Geschäftsführerin Regina Kägi-Fuchsmann kennen, die ihr 1943 die Flucht in die Schweiz ermöglichte und sie dort in kurzer Zeit aus dem Internierungslager befreite. Auch Kägi-Fuchsmann war Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Sie war eine überzeugte Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin, die aktiv in der Schweizer Frauenbewegung mitarbeitete. Von 1933 bis 1951 leitete sie in Zürich das SAH (bis 1936 hieß es Proletarische Kinderhilfe) und initiierte die Hilfsaktion Colis Suisse. Nach dem Krieg engagierte sie sich beim Wiederaufbau Europas.

Außerdem traf Nora Block in Montauban ISK-Mitglied Hermann Platiel wieder, den sie im Januar 1943 heiratete. Er wurde bald darauf verhaftet; es gelang ihm erst 1945 die Flucht in die Schweiz. Nora Platiel arbeitete in der Schweiz zunächst ehrenamtlich und nach drei Jahren in fester Anstellung im SAH. Ihre Arbeit ermöglichte ihr, nach Ende des Krieges nach Deutschland zu reisen und Kontakte zwecks eigener Rückkehr nach Deutschland herzustellen. In der Schweiz fehlte ihr die berufliche Perspektive, auch in Frankreich, wo sie immerhin zehn Jahre verbracht hatte, wollte sie nicht mehr die „etrangère“ sein. Sie traf sich mit Lewinski, der 1947 Landgerichtsdirektor in Kassel geworden war und sich maßgeblich am Wiederaufbau einer demokratischen Justiz in Hessen beteiligen sollte, und Zinn, seit Ende 1946 hessischer Justizminister. Im März 1949 beschloss sie, von beiden unterstützt, sich als Richterin für den hessischen Justizdienst zu bewerben. Im November 1949, Lewinski war zwischenzeitlich Landgerichtspräsident, wurde sie eingestellt und der Wiedergutmachungskammer am Landgericht Kassel zugewiesen.

Sie kehrte in ein Land zurück, für das wenigstens in den 50er und 60er Jahren im Verhältnis zum „Dritten Reich“ galt: vergessen, verdrängen, verschweigen. Zugunsten eines schnellen Wiederaufbaus der deutschen Justiz führte eine liberale Entnazifizierungspraxis 1947/48 dazu, dass nahezu alle 1945 entlassenen Richter und Staatsanwälte ihren Weg zurück in die Justiz fanden. Im Ergebnis wurde in den Westzonen die Führungs- und Repräsentationsebene der Justiz zwar ausgewechselt, unterhalb dieser Ebene änderte sich jedoch nicht viel. Stattdessen spielte der Schutz gegen Ehrverletzungen von Richtern, deren Tätigkeit zunehmend auch mit Blick auf die NS-Zeit kritisiert wurde, eine große Rolle. „Zwar könne nicht verschwiegen werden, dass sich da und dort auch Ungerechtes in der Zeit von 1933 bis 1945 zugetragen habe. Demgegenüber hätten aber zahllose Richter „dem Postulat wahrer Gerechtigkeit die Treue gehalten“ und dieses stille Heldentum verdiene höchste und größte Anerkennung,[11]Nora Platiel wies in ihrer weiteren Tätigkeit als Richterin und Politikerin immer wieder darauf hin, dass Justiz und Politik ungenügend enttazifiziert seien.

1949 meldete Nora Platiel auch den eigenen Wiedergutmachungsanspruch an. Im Juni 1956 erhielt sie schließlich eine Entschädigung, die ca. 20 Prozent dessen betrug, was sie mutmaßlich während der 16 Jahre Emigration verdient hätte. Entsprechende schlechte Erfahrungen mit der Dauer des Verfahrens und den zugestandenen Entschädigungen hatten auch andere überlebende Kolleginnen gemacht – so z.B. Erna Proskauer, die ebenfalls wegen mangelnder beruflicher Perspektive aus Haifa nach Berlin zurückkehrte und der eine Einstellung als Richterin beim Landgericht nach dem Krieg überhaupt verwehrt blieb, da sie "als verheiratete Frau ohnehin nicht in den Justizdienst übernommen worden wäre". Sie wurde dann Rechtsanwältin. Oder Dr. Marie Munk, die zum Zeitpunkt ihrer Emigration in die USA 1934 schon Landgerichtsrätin in Berlin war, und die jahrelang und in mehreren Verfahren um eine Entschädigung für den Grundbesitz ihrer Eltern kämpfte sowie eine angemessene Entschädigung für ihre Verdienstausfall haben wollte, der ihr mit immer neuen fadenscheinigen Begründung versagt wurde.

Nora Platiel indessen wurde 1951 nach kurzer Tätigkeit am Oberlandesgericht Frankfurt am Main Hessens erste Landgerichtsdirektorin und Vorsitzende der Wiedergutmachtungskammer. Gleich nach ihrer Rückkehr engagierte sich Nora Platiel wiederum auf politischer Ebene. Nach Auflösung des ISK verblieben die meisten Mitglieder in der SPD und waren dort gut vernetzt bzw. unterstützten sich untereinander. Nora Platiel hielt Reden, nahm an Kundgebungen teil und übernahm mit der Zeit eine führende Rolle in der Kasseler SPD. Neben anderen rechts- und frauenpolitischen Themen setzte sie sich auch für eine Kontaktaufnahme mit Israel ein. Bei ihrer ersten Kandidatur zur Landtagswahl 1954 erhielt sie mit Rang 9 einen sicheren Platz auf der SPD-Landesliste. Dem hessischen Landtag gehörte sie dann bis 1966 an. Sechs Jahre davon war sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD. Im Oktober 1956 löste sie auch die andere namhafte Kasseler Rechtspolitikerin Dr. Elisabeth Selbert als stellv. Vorsitzende des Rechtsausschusses ab und blieb dies die folgenden zehn Jahre. 1960 wurde Nora Platiel als erste Frau überhaupt seit 1946 zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt. Dies blieb sie bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Landtag 1966. 1962 unterlag sie knapp bei ihrer Kandidatur für das Amt der Landtagspräsidentin.

1966, nach ihrem Abschied von der hauptamtlichen Politik, ging sie zurück nach Kassel und blieb noch lange Jahre ehrenamtlich aktiv, u.a. für den SPD-Ortsverein und den Kunstverein. 1967/68 gehörte sie dem Hessischen Staatsgerichtshof an. Sie starb am 6. September 1979 in Kassel – relativ bald nach dem mit 44 Jahren frühen Tod ihres Sohnes Roger am 21. Juni 1978.



* In der Reihe "Vergessene Juristen" im Vierteljahresheft "Recht und Politik 2/2010, S. 118ff. wurde eine Kurzfassung dieses Beitrags veröffentlicht.

[1] Der Darstellung von Nora Platiels Leben liegen insbesondere folgende Publikationen zugrunde: Helga Haas-Rietschel, Sabine Hering: Nora Platiel, Sozialistin – Emigrantin – Politikerin, Köln 1990; Ingrid Langer, Susanne Sander, Ulrike Ley: Alibi-Frauen? Hessische Politikerinnen, Bd. 2, Frankfurt /Main 1996, S. 201-256 (Nora Platiel); Britta Madsen: Die Sozialistin Nora Block-Platiel: Kameradschaft ohne Unterordnung, in: Petra Bock, Katja Koblitz: Katja (Hrsg.): Neue Frauen zwischen den Zeiten, Berlin 1995, S. 61-75; Marion Röwekamp: Juristinnen – Lexikon zu Leben und Werk, Baden-Baden 2005 (engl in: Jewish Women's Archive, http://jwa.org/encyclopedia/article/platiel-nora).

[2] Zitat aus einem Brief Nora Blocks, s. Haas-Rietschel/Hering, S. 46.

[3] DRiZ 1921, 196ff.

[4] S. Gumbel, Emil Julius: Vier Jahre politischer Mord, Berlin 1922, S. 73ff.

[5] Umfassende Darstellung der RHD in: Heinz-Jürgen Schneider, Erika Schwarz, Jürgen Schwarz: Die Rechtsanwälte der Roten Hilfe Deutschlands, Bonn 2002.

[6] Die Kolleginnen waren Hilde Benjamin (Berlin, die spätere DDR-Justizministerin), Dr. Elfriede Cohnen (Frankfurt am Main, Schicksal unbekannt), Dr. Ruth Karger (Chemnitz, Schicksal unbekannt), Dr. Elisabeth Kohn (München, Mitbegründerin der RHD, 1941 Deporation nach Riga, dort wurde sie ermordet) und Hilde Neumann (Berlin, Tochter des jüdischen Rechtsanwalt Kurt Rosenfeld, 1933 Exil, 1947 Rückkehr nach Deutschland, 1949 Präsidentin des Landgerichts Berlin, 1950 Magistratsdirektorin für Justiz, 1953-1958 Chefredakteurin der „Neuen Justiz“, s. Schneider/Schwarz/Schwarz, S. 86, 105, 175, 182, 224. (Anm. der Autorin: nach einem Hinweis von Kordula Knop am 6. Mai 2011 ist das Schicksal von Elfriede Cohnen geklärt, vgl. Schumacher, Martin: Namensähnlichkeit als Ausschließungsgrund? Der Fall der Frankfurter Anwältin Elfriede Cohnen und die Säuberung der Anwaltschaft in Preußen 1933. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 2011, Vol. 59, No. 1, pp. 19-51. )

[7] Vgl. das Kapitel "Landgericht Bochum" in: Bundesrechtsanwaltskammer (Hrsg.), Anwalt ohne Recht, Berlin-Brandenburg 2007, S. 78ff.

[8] Bundesministerium der Justiz (Hrsg.): Justiz und Nationalsozialismus, 5. Aufl. 1998, S. 68.

[9] So der preußische Justizminister Hanns Kerrl in einem Schreiben vom 31. März 1933 u.a. an sämtliche OLG-Präsidenten, vgl. Bundesministerium der Justiz, a.a.O., S. 72f.

[10] Langer/Sander/Ley, a.a.O., S. 220.

[11] Zitiert nach Wilhelm Tappert: Richterbilder im Wandel der Deutschen Richterzeitung, in: Deutscher Richterbund (Hrsg.): Justiz und Recht im Wandel der Zeit, München 2009, S. 408.