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Juristinnen – Lexikon zu Leben und Werk

Deutscher Juristinnenbund e.V./Marion Röwekamp (Hrsg.),
2005, 464 Seiten, Gebunden,
Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,
ISBN 3-8329-1597-4,
48,00 Euro
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Das Lexikon dokumentiert die persönliche und die Berufsgeschichte „früher“ Juristinnen. Es handelt von etwa 140 Frauen, die Jura studiert oder die „Rechtswissenschaft“ im weitesten Sinn geprägt haben. Das Spektrum reicht von der Lehrerin Marie Raschke, die sich 1896 mit 46 Jahren als Gasthörerin an der Berliner Universität für Jura einschrieb, bis zu Erika Scheffen, die als eine der wenigen Frauen in den 40er Jahren Jura studierte und später Richterin am Bundesgerichtshof wurde. Die Biografien spiegeln wider, wie die ersten Studentinnen zwischen 1900 und 1911 an den juristischen Fakultäten zugelassen wurden, wie 1922 Frauen auch die klassischen Rechtsberufe ergreifen durften, wie 1933 viele Juristinnen ihre Arbeit verloren, verfolgt und ermordet wurden oder rechtzeitig emigrierten, wie Juristinnen bis 1945 aus der Öffentlichkeit verschwanden und welch einen großen Anteil sie am Wiederaufbau der deutschen Justiz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten.(AG)

Aus dem Vorwort

Bei den Vorarbeiten für meine Dissertation über die Berufsgeschichte der ersten deutschsprachigen Juristinnen fiel mir auf, dass über den Beginn der Arbeitstätigkeit von Frauen in nahezu allen akademischen Berufsfeldern Untersuchungen existieren, im Gegensatz dazu der Geschichte der Juristinnen aber erstaunlich wenig Beachtung geschenkt wurde. Vor allem fand ich kaum Darstellungen, die über biografische Daten der Juristinnen Auskunft gaben. Dies, so wurde mir in Gesprächen mit einschlägig oder in verwandten Gebieten forschenden Historikern zu verstehen gegeben, sei offenbar die Ursache dafür, dass sich bisher niemand an eine Geschichte der ersten Juristinnen in größerem Umfang gewagt hat. Mit Spürsinn und noch mehr Geduld verfolgte ich in den letzten Jahren Spuren in publizistischen Organen, Archiven und Forschungseinrichtungen, sprach mit noch lebenden Juristinnen und fand ausreichend Material, um eine sichere Basis für meine Dissertation zu bilden.

Als ich in einem Gespräch mit Annette Schücking-Homeyer, dem einzig noch lebenden Gründungsmitglied des „Deutschen Juristinnenbunds“, bedauernd erwähnte, dass nach Vollendung meiner Doktorarbeit alle biografischen Informationen, die ich gewonnen hatte, verloren gehen und niemals der Öffentlichkeit zugänglich würden, da die Darstellung von Biografien für meine Dissertation eine lediglich untergeordnete Rolle spielte, meinte diese knapp, dann müsste ich eben noch ein biografisches Werk verfassen. Dieses liegt hiermit nun vor. Sehe ich heute die Fülle von Biografien, die ich aufgearbeitet habe, staune ich und erinnere mich mit großer Verwunderung an meine leeren Hände zu Beginn der Arbeit.

Die einzelnen Einträge dieses Lexikons zeigen das komplexe Zusammenwirken von biografischen, gesellschaftspolitischen, sozialen und wissenschaftshistorischen Faktoren. Die Darstellung von Werk und Wirken der Juristinnen bilden den Schwerpunkt. Sie sollen jedoch nicht nur von außen aus der Perspektive der Rechts- und Geschichtswissenschaft, sondern auch aus der Perspektive der betreffenden Personen beschrieben werden. Nicht immer ist mir dies gelungen, denn meist war wegen der Art der Quellen das Private schwer zu fassen, gelegentlich – der Art der Quellen geschuldet – konnte das Berufliche nicht ausreichend konkretisiert werden. Trotz aller Bemühungen ist Vollständigkeit, so weit sie überhaupt zu erreichen ist, bei weitem nicht erlangt. Dies erklärt auch die auffälligen Unterschiede bei der Fülle und der Genauigkeit der biografischen Daten. Die Arbeit wird als „work in progress“ verstanden.

Die Ebene der lebensgeschichtlichen Erfahrungen lässt auch eine strukturelle Perspektive der Zeit- oder Sozialgeschichtsschreibung sichtbar werden. Sobald man sich auf die Subjekte und ihre Lebensgeschichten einlässt, werden Mechanismen der Marginalisierung deutlich, die mit Zuschreibung von „Weiblichkeit“ in der Rechtswissenschaft verbunden sind. Das dient als wirksame Barriere gegen die Gefahr einer Verdinglichung eines Diskurses, da die Schwierigkeiten im Zugang zur Rechtswissenschaft in universitären und außeruniversitären Arbeits- und Lebenszusammenhängen transparent werden. Es zeigt sich, dass alle Juristinnen mit den gleichen Hindernissen zu kämpfen hatten, aber in einer Vielfalt von Möglichkeiten darauf reagierten, manche sich dabei stark exponierten, andere ihre privaten Lösungen wählten. Die Erfahrungen aller verdichten sich zu einem besseren Verständnis „der Juristinnen“. Mit Sicherheit sind auch nicht alle wichtigen Juristinnen in diesem Lexikon vertreten. Das Werk trifft keinerlei Bedeutungszuweisungen mit der Aufnahme oder Auslassung einzelner Lebensbilder. Häufig war die Auswahl schlicht der Quellenlage geschuldet. Da die Juristinnen nicht nur – und vor der Öffnung der juristischen Berufe 1922 für Frauen gerade nicht – in den klassischen juristischen Berufen tätig wurden, steht eine Vielzahl von möglichen Berufsbildern nebeneinander, die alle im deutschen Sprachgebrauch auch als „Juristinnen“ bezeichnet werden können. Hier kann es unterschiedliche Meinungen oder auch Grauzonen hinsichtlich der Zugehörigkeit von Repräsentantinnen zu dem hier auszuwählenden Personenkreis geben. Differenzen können auch generell über die „Bedeutung“ oder den „Beitrag“ einzelner Juristinnen bestehen. Dabei ist aber zu bedenken, dass Juristinnen in Deutschland und Österreich eine noch junge Erscheinung waren und selten die Art von Erfolg und Ruhm erwarben, den die männlichen Juristen beanspruchen können. Liest man die vorgestellten Lebensbilder, liegt vielmehr der Schluss nahe, dass der Beitrag von Frauen zur Rechtswissenschaft in den ersten Jahren ihrer Zulassung auf andere Art erfolgte als der ihrer männlichen Kollegen. Juristinnen mussten ihren wissenschaftlichen Ehrgeiz, sofern er vorhanden war, bis auf wenige Ausnahmen in ihre praktische Arbeit integrieren. Deswegen wird ihre Tätigkeit bis heute häufig nicht als bahnbrechend wahrgenommen. Doch die Art, wie sie berufstätig wurden, der Anspruch aus sozialer Tätigkeit und Ausübung des Berufs war nach akademischen Maßstäben eine Neuheit. Auch die neuen Tätigkeitsfelder der Juristinnen in der sozialen Arbeit bildeten eine Nahtstelle zwischen Justiz und Wohlfahrt, die bisher in dieser Form noch nicht bestand. Auf diese Art haben die Juristinnen nicht nur das Berufsbild des Juristen verändert, sondern auch Meinungen gebildet, auf politische Missstände aufmerksam gemacht und damit in einem sehr langsamen Prozess doch Einfluss gewonnen.

Insgesamt stehen nun an die 140 Biografien zur Verfügung, die eine Bestandsaufnahme zu einer allgemeinen Personengeschichte der ersten deutschsprachigen Juristinnen darstellen. Sie geben Zeugnis davon – wie Brigitte Zypries in ihrem Geleitwort andeutete – dass die Geschichte der ersten deutschsprachigen Juristinnen keine Geschichte einiger weniger ist, sondern die Vielzahl der hier vorgestellten Beiträge, so insignifikant sie im einzelnen scheinen mögen, für eine breite Emanzipationsbewegung spricht.

Dr. Marion Röwekamp studierte Geschichte und Jura in Heidelberg, München, Berlin und New York. Sie promovierte mit einer Arbeit über "Die Berufsgeschichte der ersten deutschen Juristinnen" an der Universität München.