Das Familienrecht in Deutschland steht vor wegweisenden Reformen – und zugleich vor erheblichen politischen Herausforderungen. Die zweitägige Fachtagung im Rahmen des 46. Bundeskongresses des Deutschen Juristinnenbundes e.V. (djb), die heute in Kassel beginnt und im Livestream verfolgt werden kann, widmet sich dringenden Fragen: Wie lässt sich das Familienrecht so gestalten, dass es die Vielfalt gelebter Familienformen anerkennt, die verfassungsrechtlichen Gleichstellungsgebote endlich umsetzt und Gewalt wirksam verhindert ?
Noch immer hinkt das geltende Familienrecht den gesellschaftlichen Realitäten hinterher. Im Abstammungsrecht bleibt gelebte Verantwortungsübernahme unberücksichtigt, nach Trennung oder Scheidung sind Frauen besonders häufig wirtschaftlichen Nachteilen ausgesetzt, und der Schutz vor Partnerschaftsgewalt gelingt nicht effektiv. Frauenfeindliche Narrative und eine politische Verschiebung nach rechts gefährden zunehmend die dringend notwendigen Reformprojekte. Vor diesem Hintergrund bringt die Fachtagung Expert*innen aus Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen, um konkrete Lösungsansätze zu entwickeln – und den politischen Druck für Veränderungen zu erhöhen.
„Familienrecht ist kein juristisches Nischenthema – es ist ein Spiegel gesellschaftlicher Machtverhältnisse und es betrifft uns alle“, erklärt Prof. Dr. Anna Lena Göttsche, Vorsitzende der djb-Kommission Familien-, Erb- und Zivilrecht, die zum Auftakt der Tagung in das Thema einführt. Im Anschluss beleuchtet Prof. Dr. Friederike Wapler in ihrer Keynote die gesellschaftspolitische Tragweite der Reformfragen: „Das Recht hat nicht die Aufgabe, ein bestimmtes Leitbild von Familie durchzusetzen. Es geht darum, den Menschen freie Entscheidungen über ihre familiären Beziehungen zu ermöglichen und die Vielfalt gelebter Familienformen rechtlich abzusichern.“
Es folgen Panels und Diskussionen zu Reformbedarfen vom Abstammungs- und Kindschaftsrecht über die ökonomischen Folgen von Trennung und Scheidung bis hin zu Schutz und Prävention bei Gewalt durch den (Ex-)Partner. Ziel ist es, Impulse für ein Familienrecht zu setzen, das Lebensrealitäten anerkennt, Geschlechtergerechtigkeit stärkt und Gewaltbetroffene wirksam schützt.
Der djb arbeitet seit vielen Jahren intensiv familienrechtlich. Mit dieser Fachtagung macht der djb deutlich: Familienrecht ist hochpolitisch – und seine Reform eine Grundvoraussetzung für echte Gleichberechtigung.
Der 46. djb-Bundeskongress wird vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.