djbZ 2008 Heft 3
Editorial
In allen Medien, auf zahlreichen Podien werden dieser Tage
wieder Debatten um den Feminismus geführt, wie seit den
70ger Jahren nicht mehr. Wird der Feminismus, der Einsatz
von Frauen für Frauenrechte, überhaupt noch gebraucht oder
erledigt sich das für die Generation der „Alpha-Mädchen"
von selbst? Oder ist er etwa deswegen von gestern, weil die
freie, selbstbewusste Frau von heute wieder den Mut hat, zu
ihrer wahren Bestimmung in der Familie zurückzufinden? Und
wenn schon Feminismus, welcher soll es dann sein? Der militante,
aggressive, radikale oder doch eher die gemilderte Variante,
dessen „Unterwanderstiefel" sich geschickt mit Pumps
und Perlenkette tarnen?
Für uns Juristinnen im djb sollte dies alles keine Frage sein.
Wir sehen das Erreichte mit Freude: Vor 100 Jahren die
erste Jurastudentin in Deutschland, vor 90 Jahren zum ersten
Mal Frauenwahlrecht, vor 60 Jahren im Entwurf des Grundgesetzes
der Gleichberechtigungsgrundsatz in Artikel 3, vor 50
Jahren durch das Gleichberechtigungsgesetz die Beseitigung
zahlreicher Diskriminierungen im Familienrecht, wir sehen aktuell
zum Beispiel das AGG und die Vätermonate beim Elterngeld.
Und wir sehen: Das alles reicht bei weitem nicht aus.
Nach wie vor sind Menschen, die die Fähigkeit haben, Kinder
zu bekommen und gelegentlich auch den Mut haben, dies
zu tun, in Deutschland, wenn auch meist nicht mehr rechtlich,
so doch faktisch Menschen zweiter Klasse. Sie erhalten die
schlechteren Ausbildungen, sie verdienen signifikant weniger
und in Führungspositionen kann man sie mit der Lupe suchen,
was nicht nur für die Privatwirtschaft gilt, sondern ebenfalls
für den gesamten öffentlichen Sektor. Es ist gut, dass Deutschland
nach fast 60 Jahren endlich eine Bundeskanzlerin hat,
aber das genügt nicht. Das auf Initiative und Druck des djb
nach der Wiedervereinigung in Art. 3 GG aufgenommene
Gebot, die Verwirklichung der Gleichberechtigung aktiv staatlich
zu fördern, verhallt weitgehend folgenlos.
Für uns im djb ist es daher gar keine Frage, dass wir auf
allen Ebenen und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln
den Kampf fortsetzen. In unseren Reihen waren immer
die Pionierinnen: Die erste Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts,
die erste Bundesministerin, die erste Landesjustizministerin,
die ersten Präsidentinnen etlicher Obergerichte, die
erste Präsidentin einer Rechtsanwaltskammer, die erste Rektorin
einer traditionsreichen Universität und viele andere mehr.
Den Weg, den diese Pionierinnen uns gebahnt haben, geben
wir nicht mehr frei. Es gelingt uns und wird uns auch zukünftig
gelingen, die neuen Pionierinnen zu unseren Mitgliedern zu
zählen und es bleibt jetzt und in Zukunft dabei, dass wir in
unseren Reihen die Fachkompetenz haben, um immer wieder
Anstöße zur Beseitigung vorhandener Diskriminierungen gegenüber,
manchmal auch mit dem Gesetzgeber in Bund und
Ländern auf den Weg zu bringen, ein scharfes Auge und nötigenfalls
auch eine laute Stimme zu haben, wenn die Rechtsprechung
blind ist gegenüber den gleichstellungspolitischen
Folgen ihrer Entscheidungen. Einzelne Initiativen wie das Corporate
Governance Dinner mit großer medialer Resonanz
bringen uns in der Sache voran und geben dem djb zusätzliches
Renommé.
Dass es Freude macht und in vielfältiger Weise immer ein
Gewinn ist, sich über den eigenen Arbeits- und Lebensbereich
hinaus gemeinsam mit Gleichgesinnten für gemeinsame Ziele
einzusetzen, zeigt die Mitgliederentwicklung der letzten Jahre.
Viele junge Juristinnen wollen sich bei uns engagieren und unsere
Arbeit unterstützen. Sie erkennen klug, dass ein starkes
Netzwerk nicht nur zur Durchsetzung rechtspolitischer Ziele
nötig ist, sondern durchaus auch für die eigene persönliche
und berufliche Entwicklung Vorteile hat. Selbstverständlich
freut es uns auch, dass wir immer wieder exponierte Juristinnen
in Führungspositionen aus den verschiedensten Berufsfeldern
zum Eintritt in den djb überzeugen können.
Der djb ist zwar 60 Jahre alt, er ist aber - und dies gilt nach
meiner festen Überzeugung für jede einzelne von uns - jung
wie am ersten Tag, durchaus kämpferisch gesonnen, mit Kompetenz
und Überzeugungskraft gut ausgestattet und mit der
nötigen Mischung aus Optimismus und Realismus, aus Ungeduld
und langem Atem. Dieser djb wird dringend gebraucht
und beginnt das nächste Jahrzehnt seiner Existenz mit dem
festen Willen, weiter ein Motor für gesellschaftliche Veränderungen
in Deutschland zu sein.
Jutta Wagner
Präsidentin
