djbZ 2008 Heft 2
Editorial
Im Fokus (lat. Brennpunkt) der vorliegenden Ausgabe der djbZ steht das Thema „Gewalt gegen Frauen“, immer noch und immer wieder brandaktuell; ein Dauerbrenner, leider. Den klugen Kopf in nur eine Ausgabe einer großen, überregionalen Tageszeitung gesteckt (Freitag, 23. Mai), findet frau dies unmittelbar bestätigt: „Mann erdrosselt Ehefrau und erhängt Vater“; in Hamburg versucht ein Mann, seine Ehefrau zu erschießen, die er zuvor bereits häufiger bedroht und geschlagen hatte, sie erleidet schwere Schussverletzungen; in Frankreich hat die Staatsanwaltschaft lebenslängliche Haft gegen einen Angeklagten wegen Entführung, Vergewaltigung und Ermordung von sieben jungen Mädchen beantragt. Kein Tag ohne vergleichbare Meldungen von gewalttätigen, oft sexuell motivierten Übergriffen von Männern gegen Frauen. Und Kinder. Dabei findet ein großer Teil dieser Straftaten, und solche sind es, im häuslichen Bereich statt. Wo Menschen sich sicher und geborgen fühlen können sollten. Wo Vertrauen und respektvoller Umgang miteinander unter den Erwachsenen selbstverständlich sein und den Kindern vorgelebt werden sollten. Damit sie es lernen. „Schlaue Jungen schlagen nicht“, sagte mein Nachbar heute zu seinem dreijährigen Enkelsohn. Aber geschlagene Jungen, von geschlagenen Müttern, tun es. Ganz weit weg, in Argentinien, sollen zwei Jungen, sieben und neun Jahre alt, ein zweijähriges Mädchen misshandelt und stranguliert haben (Quelle s.o.). Sie sollen zuhause erlebte Gewaltszenen wiederholt haben. Ganz weit weg?
Die gerade veröffentlichte Kriminalstatistik (PKS) für 2007 lässt anderes fürchten. Bei den Gewalttaten gibt es entgegen dem an sich rückläufigen Trend einen Anstieg, deutlich vor allem bei den Körperverletzungsdelikten, an denen Frauen einen noch geringeren Anteil haben (ca. 16 %) als an den Straftaten insgesamt (ca. 25 %). Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen von Gewalttaten ist dabei überproportional im Vergleich zum Vorjahr um 4,9 % gestiegen. Gewaltkriminalität ist männlich. Und pflanzt sich fort.
Im Kurzbericht des Bundesinnenministeriums zur PKS 2007 wird vermutet, dass der Anstieg vor allem auf einer vermehrten Sensibilität der Öffentlichkeit und geändertem Anzeigeverhalten im Hinblick auf Reformen im Sexualstrafrecht, dem Gebot zur gewaltfreien Erziehung und dem Gewaltschutzgesetz beruhe. Angesichts des insgesamt zu beobachtenden Verfalls allgemeinverbindlicher Wertvorstellungen und Verlustes sicher geglaubter zivilisatorischer Hemmschwellen (bandenmäßige Angriffe auf Polizeikräfte bei rechtmäßigen Festnahmehandlungen, Überfälle auf Schulen, körperliche Attacken gegen Lehrer, Obdachlose, Andersdenkende und -aussehende) regen sich Zweifel an dieser These.
Und dennoch: Schön, wenn sie zuträfe. Würde es doch bedeuten, dass die gesetzlichen Maßnahmen, die hier vor allem zum Schutz von Frauen und Kindern gegen zum Teil erhebliche Widerstände beharrlich erkämpft worden sind, tatsächlich greifen, die Betroffenen ihr Recht kennen, davon Gebrauch machen, und dass die Polizei die Anzeigen ernst nimmt. Dieser Aufbruch kostet die betroffenen Frauen und Kinder viel Kraft und Mut. Darum bedarf es der begleitenden Unterstützung durch professionelle pädagogische und psychosoziale Betreuung. Von Gesetzes wegen.
Optimierungsmöglichkeiten bei der Strafverfolgung, kritische, praxisorientierte Auswertung der Reform des FGG, Vernetzung auch auf europäischer und internationaler Ebene, Aufdecken des Zusammenhangs zwischen Alkoholmissbrauch und Kriminalität – die Fokusbeiträge allein zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ zeigen: Es ist noch so viel zu tun.
Ich hoffe sehr, dass es Ihnen möglich ist, im September zur Feier des 60-jährigen Bestehens des djb – Näheres dazu im Mittelblatt – nach Berlin zu kommen, um das Erreichte gemeinsam in dankbarer Erinnerung an unsere „Gründungsmütter“ zu feiern und uns bei dieser Gelegenheit des gemeinsamen Anliegens und der Verbundenheit miteinander in diesem Anliegen zu versichern, über die eigenen parteipolitischen, religiösen und andere persönliche Schranken hinweg.
Frauenrechte sind Menschenrechte. Sich für ihre Durchsetzung zu engagieren, stärkt die gelebte Demokratie. Es freut mich sehr, im Bundesvorstand des djb daran mitwirken zu dürfen. Machen Sie mit. Wir brauchen Sie alle.
Ramona Pisal
Vizepräsidentin
