aktuelle informationen 2006 Heft 1
Mythos Deutsche Mutter
von Prof. Dr. Barbara Vinken
Mme X., so wollen wir sie einmal nennen, blond, zierlich, anmutig, ruhig, hat acht Kinder und leitet eine große Behörde. Ihr Mann war bis vor kurzem Minister. Sie hat außerdem zwei Gedichtbände veröffentlicht. Zu Abend isst sie alleine mit ihrem Mann – die kostbarste Zeit des Tages, wie sie sagt. Um die Kinder, die, wie sie nebenbei einfließen lässt, die besten Schulen von Paris besuchen, kümmern sich dann au pair-Mädchen.
Das ist auch in Frankreich eine Ausnahme. Aber es ist eine Ausnahme, die das gesellschaftliche Leitbild überhöhend bestätigt. Es ist für eine Frau normal, im Beruf erfolgreich zu sein und zwei oder drei Kinder zu haben. Auch in Deutschland gibt es solche, wenn auch nicht ganz so spektakuläre Ausnahmen. Aber sie stehen quer zum gesellschaftlichen Leitbild. Hierzulande glaubt eine Bankdirektorin – und demonstriert die selbstverhängte Opferbereitschaft – beim ersten Kind ihren Job an den Nagel hängen zu müssen. Kinder und ein erfülltes Berufsleben hält man schlicht für unvereinbar. Eine Mutter kann morgens in einer Galerie arbeiten oder ein paar Stunden im Goethe-Institut unterrichten. Alles andere bringt sie in den Geruch, ihre Kinder zu vernachlässigen, ihrer wirklichen Berufung nicht nachzukommen – das ist deutsches Credo. Frau Schröder-Köpf hat das im Wahlkampf auf den Punkt gebracht: Frau Merkel könne die Frauen in Deutschland nicht vertreten, weil sie das „Hin- und Hergerissensein, den Konflikt zwischen Muttersein und Beruf nicht kenne.“ Die Kanzlergattin hat der Kanzlerkandidatin nicht – wie etwa die italienische Presse meinte – vorgeworfen, keine Kinder zu haben. Es ist nicht das Muttersein, sondern der Konflikt zwischen Kind und Karriere, der ontologisch die deutsche Frau auszumachen scheint. Das Stillgestelltsein im Zerrissensein, die auf Dauer gestellte Krise, das permanente schlechte Gewissen: das ist es, was eine Frau zur Repräsentantin ihres Geschlechtes befähigt. Konfliktfrei und mit gutem Gewissen ist beides, Kinder und Karriere, nicht zu haben. In diesen deutschen Konsens stimmt auch Frau Merkel ein, wenn sie meint, sie wäre nicht da, wo sie ist, hätte sie Kinder gehabt.
Dank und nicht trotz dieses Credos sind die demografischen Daten nicht gerade erheiternd. Mit 1,4 Kindern pro Frau steht die Bundesrepublik auf einem der weltweit letzten Plätze. Die neue Pisastudie lässt uns trotz eines Fortschrittes abgehängt im Mittelfeld zurück. Die ohnehin beeindruckende Einkommensschere zwischen Männern und Frauen öffnet sich weiter. Deutschland findet sich im Auseinanderklaffen weiblicher und männlicher Löhne im europäischen Vergleich als Schlusslicht. Kurz gesagt verbindet sich eine niedrige Geburtenrate mit einem im europäischen Vergleich unterdurchschnittlichen Anteil Vollzeit berufstätiger Frauen.
Langsam sind diese Fakten ins Bewusstsein gesickert, verbreiten Unbehagen, machen Kopfschmerzen, wurden zu einem bestimmenden Thema des hinter uns liegenden Wahlkampfes. Eine Zahl macht die Runde: 44 Prozent der Frauen mit Uniabschluss zwischen 35 und 39 Jahren sind kinderlos. Die Elite des Landes, heißt es dann in der Presse, reproduziere sich nicht. Man ist sich einig, – Stichwort Generationenvertrag, Stichwort intellektuelles Kapital – dass diese Fragen für die Zukunft entscheidend sind. Familien- und Bildungspolitik werden zur Chefsache erklärt. Es muss etwas passieren: mehr Kinder sollen geboren werden, die besser ausgebildet sind.
Angesichts des Fiaskos hat man begonnen, über eine Änderung der Politik nachzudenken. Laut wird die Garantie eines Kindergartenplatzes ab dem Alter von drei Jahren erwogen; laut wird überlegt, vermehrt Ganztagsschulen einzurichten. Man schickt sich an, den deutschen Sonderweg zu verlassen und sich auf den mühsamen Weg nach Europa zu machen. Nur als Vergleichszahl: in Dänemark sind 78 Prozent der Ein- bis Zweijährigen in Betreuungseinrichtungen untergebracht, in Deutschland sind es fünf Prozent – und das verdanken wir den ehemaligen Bundesländern. Bisher hat man parteiübergreifend – und in schroffem Unterschied zu unseren europäischen Nachbarn – nicht auf außerhäusige Kinderbetreuung, auf Kinderkrippen, Kindergärten, und Ganztagsschulen, sondern auf die Stärkung der Ehe als Versorgungsinstanz gesetzt. Wenn nicht die Einverdienerehe, so war doch die Ehe, in der die Ehefrau „dazuverdient“, das Leitbild. Das Ehegattensplittung – wohlgemerkt kein Familiensplitting wie in Frankreich etwa – und die Versicherungsregeln subventionieren mit hohen Kosten den Austritt auch der kinderlosen Ehefrau aus dem Berufsleben. Schutz von Ehe und Familie heißt in Deutschland, den Ehemann in die Lage zu versetzen, die Ehe ob mit oder ohne Kind zur Versorgungsanstalt zu machen, in der er sie unterhält.
Verschleiert werden die harten Fakten dieser Politik unter dem Stichwort der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und der „partnerschaftlichen Umverteilung der Aufgaben“, sprich „Neue Väter.“ „Vereinbarkeit“ hieß im Klartext die Integration der Mutter in den Arbeitsmarkt unter Ausnahmebedingungen: dreijährige Erziehungspause bei Garantie des Erhaltes der Stelle, Halbtagsstellen, und, neues Mantra, „Flexibilisierung“. „Vereinbarkeit“ bedeutet in der Realität der Arbeitswelt, das weibliche Berufswege vom Dreiphasenmodell geprägt sind: Ausbildung und erste Berufserfahrung, dann der weitgehende oder völlige Ausstieg aus dem Beruf und Konzentration auf die Familienphase, anschließend Rückkehr in den Beruf. Diese Rückkehr, wenn sie überhaupt stattfindet, erfolgt zu desaströsen Bedingungen. Die Karriereschritte, die die Männer in der Zeit gemacht haben, sind unterblieben: Er hatte einen Abschluss in den Wirtschaftswissenschaften und ist etwa in dieser Zeit ins gehobene Management aufgerückt, sie hat in Kommunkationswissenschaften promoviert und steigt als freie Mitarbeiterin einer Provinzzeitung ein. In dieser Art von außerdem auch noch teurem Mutterschutz, die zu einer Ghettoisierung von Müttern und Kindern führt und die Frauen dauerhaft erfolgreich aus den Karrieren kickt, ist Deutschland international führend. Mütter als gleichberechtigte Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt gibt es in dieser Vorstellung nicht.
Die schizophrene Gespaltenheit des deutschen Diskurses bringt das Interview von Kirchhof in der ZEIT auf den Punkt: „In meinem Hörsaal habe ich mehr Juristinnen als Juristen, viele davon sind glänzend. Diese jungen Frauen wollen den Wechsel, den sie mit ihrem Studium hart erarbeitet haben, auch einlösen. Ich wäre traurig, wenn diese Frauen nicht erfolgreich wären im Juristenberuf. Allerdings wäre ich auch traurig, wenn diese Frauen mehrheitlich sagen würden: um der Karriere willen verzichte ich auf Kinder. Wir brauchen ein Gesellschaftssystem, in dem es selbstverständlich ist, dass Menschen Vater oder Mutter und Erwerbstätiger sein können.“ So weit, so gut. Schon im nächsten Paragraphen allerdings wird auf der Bezugsperson für die ersten drei Jahre bestanden und der Glaubenssatz geäußert, der Staat könne die Kinder nicht besser erziehen als die Eltern. Schließlich wird in Erwägung gezogen, eine bestimmte Summe Geld für die Kinderbetreuung direkt den Eltern zu geben „und sie entscheiden zu lassen, ob sie davon einen Kindergartenplatz bezahlen oder lieber selbst erziehen und das Geld quasi als Honorar verstehen.“ Unbenommen liegt es in der Freiheit jedes einzelnen, was er tut – obwohl dieser Staat den Eltern die Freiheit nicht gibt, ihre Kinder mit einem Jahr in eine ganztägige Krippe zu schicken, schon schlicht und einfach deswegen, weil es nicht genug Krippenplätze gibt. Diesen Mangel an Entscheidungsfreiheit beanstandet Kirchhof nicht. Grundsätzlich sind jedoch die Folgen einer freien Entscheidung zu bedenken: Entschließen sich die Eltern, ganz frei, das Geld nicht in einen Kindergartenplatz, ja besser in einen Krippenplatz oder eine Tagesmutter zu investieren, dann wird Herr Kirchhof aller statistischen Wahrscheinlichkeit nach traurig werden. Denn eine solche Entscheidung heißt, das seine brillianten Juristinnen keine Karriere machen werden. Bedingung für den Erfolg im Beruf ist nun einmal – das zeigen sämtliche Untersuchungen – eine kontinuierliche Vollzeitberufstätigkeit.
Die erklärte Liberalität des Gesetzgebers, Väter und Mutter sozusagen geschlechtsblind für eine Dauer von drei Jahren für die Kindererziehung freizustellen – unter Garantie des Arbeitsplatzes sowie eines Erziehungsgeldes (vom Gehalt des Ehepartners abhängig) – kommt nicht zum Zuge. Die Männer, die tatsächlich Erziehungsurlaub nehmen, sind mit 2,1 Prozent eine statistisch fassbare, aber irrelevante Größe.[1] Übersehen hat man bei all dem, dass alle Steuer- und sonstigen Subventionen beim besten Willen die Einbuße eines zweiten Gehaltes nicht wettmachen können. Und dass viele Frauen den Preis eines erfüllenden Berufslebens nicht mehr für die Kinder zahlen wollen.
Nun hat sich etwas getan. Zum einen setzt man wegen Pisa auf eine Erziehung, die im Kindergarten für alle beginnt, auf frühere Einschulung und auf Ganztagsschulen. Und hofft, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Denn mit dieser Wende in der Familienpolitik, die zunächst den sozial schwachen Kindern helfen soll, möchte man gleichzeitig Mütter in die Lage versetzen, als gleichberechtigte Teilnehmer auf dem Arbeitsmarkt mitzumischen. Es zeichnet sich also mit dem vermehrten Einrichten von ganztätigen Kindergärten und Ganztagsschulen in der Politik zum ersten Mal eine Alternative zur Subvention der Einverdienerehe oder bestenfalls der Dazuverdienerehe ab.
Die Frage ist, ob eine solche Politik Chancen hat, angenommen zu werden. Die vom Baden-Württembergischen Staatsministerium beim Institut für Demoskopie Allensbach in Auftrag gegebene Studie zu den „Einflussfaktoren auf die Geburtenrate – Ergebnisse einer Repräsentativbefragung der 18-44 jährigen Bevölkerung“, die zu Beginn dieses Jahres veröffentlicht wurde, kommt hier zu verblüffenden Ergebnissen. Die Allensbach-Studie kann man pointiert folgendermaßen zusammenfassen: Berufstätigkeit und Kinder werden in Deutschland nicht als vereinbar, sondern als alternativ aufgefasst. „Mehr als in anderen Ländern dominiert in Deutschland die Überzeugung, dass sich Berufstätigkeit und Mutterschaft nur schwer vereinbaren lassen.“ (20)
„Lediglich 8 Prozent der 18 bis 44-Jährigen plädieren dafür, dass eine junge Mutter im vollen Umfang berufstätig bleibt; 49 Prozent favorisieren den Übergang in eine Teilzeitbeschäftigung, 29 Prozent den völligen Ausstieg aus dem Beruf. Damit ist zwar nicht der völlige Ausstieg, aber doch eine erhebliche Reduktion der beruflichen Tätigkeit das Ideal – aus der Sicht von Frauen noch mehr als aus der Sicht von Männern.“ (52)
Vollkommen einig ist sich die überwältigende Mehrheit der Frauen, unabhängig davon, ob sie Kinder bekommt oder nicht, darin, dass beides, Kinder und Karriere, nicht geht. How German is it? Die deutscheste aller deutschen Überzeugungen ist zweifelsfrei die, dass die Erziehung der Kinder ins Haus, in die Hände der Mütter gehört. Und diese Überzeugung wird vor allem vom Bildungsbürgertum – also den Frauen mit Hochschulabschluss – getragen. Bedingung für das Wahrwerden des Kinderwunsches sind deshalb nicht gesicherte Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder (lediglich 25 Prozent der 18 bis 44-Jährigen machen dies zur Bedingung). Bedingung ist, dass nur einer arbeiten muss, um ein für die Familie ausreichendes Einkommen zu verdienen (60 Prozent). Obwohl Deutschland in Sachen Kinderbetreuung – und davon hängt die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf ja konkret ab – im europäischen Vergleich ein Drittweltland ist, gibt es wegen dieser überwältigenden Erwartung, einen Ernährer zum Vater seiner Kinder zu machen, kaum Druck auf die Politik. Weil Frauen als Mütter mit ihrem Ausscheiden aus dem Beruf oder in der Teilzeitarbeit ihre finanzielle Unabhängigkeit aufgeben, wird die Ehe als Versorgungsanstalt wirtschaftlich unumgehbar. Deswegen sind die weniger gut verdienenden Familien an der Erhöhung des Kindergeldes und die besser verdienenden am Ehegattensplitting vitaler interessiert als an Ganztagskrippen und -schulen. „Nirgendwo in Europa wird noch heute das Modell „alleinverdiendender Familienvater und nichterwerbstätige Ehefrau“ so stark steuerlich begünstigt wie in Deutschland“, so das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Die finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann führt zum unerbittlichen Einrasten der traditionellen Klischees: der Ehemann verdient und die Ehefrau, Engel im Haus, sorgt für die Familie. Mit diesem Geschlechtermuster fällt Deutschland krass reaktionär hinter seine europäischen Nachbarn zurück, die wesentlich emanzipiertere und erotisch interessantere gesellschaftliche Modelle entwickelt haben.
Deswegen ist ein solches Rollenmodell in gewisser Weise unsagbar geworden und alles andere als hip. Es steht im schroffsten Gegensatz zu unserem Selbstbild. Wir verstehen uns als gleichberechtige Gesellschaft, die eine gleichberechtigte Verteilung der Belastungen durch die Familie anstrebt und beiden Geschlechtern gleiche Verwirklichungen im Beruf einräumt. Kinder bedeuten deswegen in Deutschland vor allem: Rückfall in ein Rollenmodell, das man für überwunden hält, Rückfall in eine Paarstruktur, die als überholt gilt, Rückfall in wirtschaftliche Abhängigkeit, die mit unseren Normen eines gelungenen Lebens nicht zu verbinden ist. Und das sich freiwillige Begeben in die Abhängigkeit der Institution Ehe, deren Zerbrechlichkeit jeden Tag vor Augen steht. Allerdings hat auch hier der Gesetzgeber in international einmaliger Weise dafür gesorgt, dass diese Institution für einen durchschnittlich verdienenden Mann mit zwei Kindern wirtschaftlich so gut wie unauflöslich geblieben ist.
Kinder gelten folglich als mit dem normalen, erwachsenen Leben, das sich durch finanzielle Autonomie auszeichnet, nicht vereinbar. Man kann sie erst bekommen, wenn man das Leben gelebt, seine Freiheit und Unabhängigkeit genossen und im Beruf seinen Mann gestanden hat. Denn schließlich glaubt man hierzulande, die intellektuelle Stimulanz, die finanzielle Autonomie und das damit einhergehende Selbstwertgefühl aufgeben zu müssen, um Mutter zu werden. Zum einen macht das das Fenster, das gegen alle biologischen Entwicklungen als ideal für die Geburt eines Kinder gesehen wir, so extrem eng. Zum anderen haben viele Frauen mit Uniabschluss soviel von der Welt und der Liebe gesehen, aber auch so viel Spaß am Beruf gefunden, dass sie ihre Unabhängigkeit nicht so leicht aufgeben. Wehmut, Schmerz und Trauer begleiten diesen Verzicht auf Kinder fast immer, der selten als Triumph des Egoismus erlebt wird.
Frauen, die sich für Kinder entscheiden, nehmen den Verlust von sozialen Kontakten, von beruflichen Chancen und finanzielle Nachteile hin. Vor allem aber büßen sie nach eigenen Aussagen gesellschaftliches Prestige ein. „Nur 17 Prozent der Frauen glauben, dass die Gesellschaft keine Unterschiede zwischen Hausfrauen und berufstätigen Frauen macht. 44 Prozent der Frauen gehen davon aus, dass Berufstätigkeit für eine Frau unabdingbar ist, um gesellschaftliches Prestige zu erringen.“ Mütter begeben sich hierzulande mit bestem Wissen und Gewissen in der überwältigenden Mehrheit in eine Situation, die sie selber für unaussprechlich halten. Frauen – und Männer –, die sich gegen Kinder entscheiden, entscheiden sich damit vor allen Dingen gegen die Regression in eine solche Paarstruktur.
Unsere Gesellschaft ist und wird in verstärktem Maße in zwei Teile auseinanderfallen. Auf der einen Seite haben wir die Leute mit Kindern, die in Paarstrukturen leben, die die Mütter selbst als wenig prestigeträchtig empfinden und vor denen nicht wenige Männer zurückschrecken. Auf der anderen Seite haben wir Leute ohne Kinder, die neue Paarkonstellationen leben, sich aber vor allem über ihren Beruf identifizieren. Das ist ein bedeutender, aber immer noch der kleinere Teil der Bevölkerung. Es ist zweifelsfrei der besser ausgebildete. Beide Teile – die Leute mit wie die Leute ohne Kinder – vereint bei entgegengesetzer Entscheidung eine in Europa einmalige dogmatische Verhärtung, die das, was überall um uns herum passiert, zum Tabu erklärt: die jenseits der Grenzen und manchmal sogar nebenan in alltäglicher Selbstverständlichkeit vorgelebte Vereinbarkeit von Kindern und Berufsleben. Und für dieses selten ausgesprochene, aber umso wirksamere Dogma, das keiner empirischen Prüfung standhält, bezahlen wir gesellschaftlich, vor allem aber in unserem eigenen Leben einen viel zu hohen und – das ist die eigentliche Tragik – ganz und gar überflüssigen Preis; überflüssige Märtyrerinnen auf der einen, überflüssiger Verzicht auf Kinder auf der anderen Seite.
Man kann sich fragen, warum man an diesem deutschen Dogma in so unverbrüchlicher Nibelungentreue hängt. Bevor ich auf die historischen Gründe eingehe, eine Überlegung zu den Interessen, die sich hinter dem sturen Festhalten an einem von den Betroffenen selbst als ausgesprochen unvorteilhaft eingeschätzten Modells verbergen. Was die Männer angeht, kann man da vielleicht noch ein Motiv finden. Schließlich macht sich eine Frau von ihnen abhängig, gibt ihren beruflichen Anstrengungen einen Sinn und macht sie zum schützenden Alleinernährer der Familie – hat Kosten, hohe sogar, aber immerhin. Auf der Seite der Frauen liegen die Motive weniger offensichtlich auf der Hand. Das Opfer, das sie sehenden Auges auf sich nehmen und dessen Notwendigkeit zu betonen sie nicht müde werden, kann eigentlich nur eine Erpressung sein, die regressiv die Männer dazu bringen soll, für sie zu sorgen. Sie scheuen – natürlich mit voller Unterstützung der so aufgewerteten Väter – vor den Realitäten der Berufswelt zurück, möchten es nicht darauf ankommen lassen und ziehen sich auf die Rolle der unterhaltenen Frau zurück, die sie selbst für unaussprechlich halten.
Die „Ethnologie des Eigenen“, kurz, die Selbstbeobachtung der Phantasmen und Mythen des eigenen Alltags zu untersuchen, ist eine der interessantesten Aufgaben der Kulturwissenschaft. Wie ist im Fall der „deutschen Mutter“ die nachgerade schizophrene Spaltung des öffentlichen Diskurses zu erklären, der ausdrücklich beiden Geschlechtern die gleichen Möglichkeiten in Karriere und Beruf garantieren will, andererseits aber Karriere und Kinder für Mütter praktisch und symbolisch für inkompatibel erklärt? Diese ebenso gewöhnliche wie auch absurde Spaltung des öffentlichen Bewusstseins ist der tiefere Grund dafür, dass wir in Sachen Kinderbetreuung so hinterherhinken. Und es ist der tiefere Grund dafür, dass es bei uns so wenig Kinder gibt. „Um Menschen in modernen Industriestaaten zu höheren Kinderzahlen zu motivieren“, resümiert das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung, „scheint weniger die Höhe von Geburtenprämien, Kindergeld und sonstigen Transferleistungen entscheidend zu sein. Ausschlaggebend ist eher die Gleichstellung von Männern und Frauen in der Gesellschaft.“ Mütter aber können in Deutschland auch nach ihrer eigenen Überzeugung – Stichwort Konflikt von Kindern und Beruf – nicht gleichgestellt sein. Denn, Credo, vom Staat können die Kinder nicht so gut erzogen werden wie von der Familie, sprich der Mutter. In Krippen, Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen sehen wir immer nur Aufbewahrungsanstalten für die armen Kinder, deren Mutter sich nicht um sie kümmert.
Hinter unseren Bedenken solchen Einrichtungen gegenüber artikuliert sich eine grundsätzliche Ablehnung. Wir meinen, „glauben“ im Sinne eines Dogmas, dass die Erziehung der Kinder 24 Stunden am Tag ins Haus gehört und Aufgabe der Eltern, sprich der Mutter ist. Diese, wie ich meine tragische und grausame Ausschließlichkeit von Kindern und Karriere, die dazu führt, dass man nicht ganz Frau oder nur Frau sein kann, hat nichts mit objektiven Gegebenheiten zu tun. Französische Zeitgenossinnen finden es ganz normal, zwei Kinder zu haben und ganztägig etwa als Ärztin zu arbeiten. Weder stellt ihr Beruf ihre Liebe zu den Kindern in Frage, noch fühlen sie sich durch die Kinder in ihrem Beruf gehandicapt.
Warum diese deutsche Besonderheit? In meinen Recherchen bin ich zu zwei Ergebnissen gekommen:
1. Unser gesellschaftlicher Raum wird von einer Topik beherrscht, in der die Familie nicht Teil der Welt ist, sondern gegen die Welt steht. Die Familie ist in dieser Perspektive etwas Bedrohtes, etwas, das unterzugehen droht, etwas, das es gegen die Welt als Garantie eines humaneren Miteinanders zu schützen gilt. Der Staat taucht hier als potentieller Feind auf, vor dessen totalitärem Zugriff Schutzräume errichtet werden müssen. Kirchhof, noch einmal symptomatisch und für weite Kreise der Bevölkerung typisch, stellt gegen ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das „fast ausschließlich auf eine Maximierung von Profit und Spaß angelegt ist“ – verderbte Welt also –, „gegen ein Erwerbs- und Wirtschaftssystem, das unsere Kultur zersetzt und die Menschen auffrisst und in Amerika (tauchte bis zu Bush immer als Höhepunkt des Schreckens auf, B.V.) zu fast hundertprozentigen Ehescheidungen führt, gilt es einen Raum zu schützen, der Glück und Freundschaft, ja der das Humanum schlechthin ermöglicht.“ Dieser Raum steht im Zeichen der Mütterlichkeit: „Die Mutter macht in ihrer Familie Karriere, die nicht Macht, sondern Freundschaft verheißt, nicht Geld, sondern Glück bringt. Ihr Beruf als Familienmanger fordert – jenseits des zweiten, des eher handwerklichen Auftrags – stetige Präsenz, einen Raum der Bedingungungslosigkeit und des Humanum, eine Intimtät als Grundmuster der Familie, ohne die eine Frau zwischenmenschliche Beziehungen nicht gestalten, Menschlichkeit nicht schenken kann. Die Mutter widmet ihren Kindern vor allem Zeit, gibt ihnen auf dieser Grundlage Zärtlichkeit, Zuwendung und ein Zuhause.“
Diese Topik, die Familie gegen Welt stellt, hat ihren Ursprung in Luthers Neubewertung der Familie. Luther hat Familiendienst zum Gottesdienst erklärt. Nicht mehr das Kloster oder die Kirche, sondern die Familie als Ort der Kindererziehung stand damit als Ort des möglichen Heils gegen die Verderbtheit der Welt. In katholisch geprägten Ländern hingegen steht die Familie jedenfalls bis weit ins 19. Jahrhundert hinein selbstverständlich auf der Seite der Welt – auf der anderen steht ja bekanntlich Kirche oder Kloster. Die Familie ist in dieser Tradition anders als in der protestantischen nicht Ort des Heils oder, wie es Kirchhof moderner sagt, Garantie des Humanums. Sie ist Welt. Das ändert sich für Frankreich erst mit Rousseau und, prägender, mit Balzac und der jesuitischen Rhetorik, die die Familie zum Raum des Opfers und des Heils erklärten.
2. Aus dieser Topik ergibt sich, dass es in deutscher Politik einen wichtigen Strang gibt, der Mutterpolitik ist. Politik in Deutschland hat die Mütter nicht links liegen gelassen. Die Mutter ist ein Herzstück deutscher Politik. Das Konstrukt der Mutter war in Deutschland treibende Kraft der Reformpolitik und gleichzeitig nationaler Identitätsfindung etwa gegen den französischen Erbfeind. Seit 1800 hat sie eine eminent politische, ja außenpolitische Funktion. In Deutschland wie in Frankreich war die Mutter die Schlüsselfigur für die Trennung der Geschlechter und den Ausschluss der Frauen aus der öffentlichen Sphäre. Aber in Deutschland bekam sie eine Aufgabe. An ihrem Wesen sollte die Welt genesen.
In der Nachkriegspolitik der Bundesrepublik steht die von mütterlichen Werten bestimmte Familie noch immer gegen die Welt. Die regressive Nachkriegspolitik, die erst einmal das lädierte Patriarchat restaurierte, hat Mütterlichkeit in den familialen abgeschlossenen Raum als Gegenwelt verwiesen. Dass die deutschen Frauen anders als ihre europäischen Nachbarinnen nicht alles haben können, Kinder und Karriere, mag auch mit diesem Bedürfnis nach ganzer Männlichkeit zu tun haben, das sich in der öffentlichen Arena unter Beweis stellen will.
In Frankreich hingegen haben Frauen anders als in Skandinavien nicht als Mütter, sondern als Bürger den Zugang zum Arbeitsmarkt gewonnen – als Bürger, die von der Gemeinschaft begehrte Kinder bekommen können, für die diese Gesellschaft dann auch etwas tut. Anders als in Deutschland sind viele Republikaner auch der Meinung, die vorher die katholische Kirche vertrat: dass nämlich die Institution das besser und zuverlässiger kann als Mütter. In Deutschland ist die Familie Garantie einer besseren Welt geblieben. Von den Müttern hängt unserer Meinung nach das „Humanum“, um Kirchhof ein letztes Mal zu zitieren, ab. Die Familie steht gegen eine harte, egoistische Welt, in der herzlose Karrierefrauen, aber nicht wahre Mütter einen Platz haben.
Hin und wieder ist es ganz nützlich, einen Blick auf die Fakten zu richten. Die Kinder unserer französischen und dänischen Nachbarn sind nicht neurotischer als unsere. Sie weisen keine Verwahrlosungserscheinungen auf und haben keine ernsthaften Leistungsblockaden. Sie sind nicht bindungsunfähig oder emotional gestört, obwohl ganztägige Betreuung in Tagestätten und Schulen zum Alltag gehört. Was sich à propos Pisa übrigens als deutlich positiver Faktor herausstellte. Auch habe ich von niemandem gehört, dass die französische oder die dänische Gesellschaft unmenschlicher sei als die deutsche. Mütter, die ihren Platz in der normalen Welt der Erwachsenen haben, die in der wirtschaftlichen, politischen, erotischen Welt zuhause sind, sind keine Gefahr für ihre Kinder. Dass sie wie die Väter arbeiten und womöglich dabei mehr Erfolg haben, ist nicht nur für ihre Töchter ein gutes Vorbild, sondern auch für die Söhne, die lernen, mit Frauen zu konkurrieren, statt sich in der Männerecke zu verbiestern. Wir sollten den Mut haben, uns auf den Weg in eine europäischere, zivilisiertere Gesellschaft machen, in der sich die Geschlechter auch auf dem Arbeitsmarkt mischen und weibliche Karrieren normal sind. Dazu gehört es auch, mit der Verteufelung der modernen Gesellschaft und Arbeitswelt aufzuhören, gegen die man als letztes Bollwerk die Familie als Garantie des Humanums errichten muss – ein, wie mir scheint, paranoides Konstrukt. Ganz entspannt glücklich, und ohne den auf Dauer gestellten Konflikt, der ontologisch das deutsche Muttersein bestimmt, das leben unsere Nachbarn uns vor, kann man beides haben: Kinder und einen erfüllten Beruf. Erst wenn man nicht mehr glaubt, für die Kinder die absurdesten Opfer bringen zu müssen, die letzten Endes allen eine unnötige Last aufbürden, gibt es eine Chance auf mehr Kinder, die besser ausgebildet sind. Und außerdem auf mehr Glück.
Anmerkungen
[1]Diese Zahl gilt für den Erstantrag, beim Zweitantrag liegt sie etwas höher. Vgl. http://www.bmfsfj.de/Redaktion BMFSFJ/Abteilung2/Pdf-Anlagen/PRM-24020-Statistik-zum-Bundeserziehungs,property=pdf.pdf, vgl. auch Gisela Notz, „Du bist als Frau um einiges mehr gebunden als der Mann“. Die Auswirkungen der Geburt des ersten Kindes auf die Lebens- und Arbeitsplanung von Müttern und Vätern, Bonn 1991.
