aktuelle informationen 2005 Heft 3
Im Alter fit
von Wiebke Klinkenborg
Besserer Gesundheitsstatus - Wohlstandseffekt
An das Gesundheitswesen in Deutschland werden hohe Anforderungen gestellt: Es soll bei effizienter Mittelverwendung qualitativ hochstehende Leistungen erbringen, um den gesundheitlichen Zustand der einzelnen Bürgerin und des einzelnen Bürgers auf einem hohen Niveau zu erhalten. Dabei wird pauschal unterstellt, dass medizinische Maßnahmen einen direkten Einfluss auf die Verbesserung des Gesundheitszustands der Menschen und die Verlängerung der Lebenserwartung seit Beginn des 20. Jahrhunderts hätten. Dies entspricht nicht der Realität. Erleichterte Lebensbedingungen wie verbesserte Ernährung, Hygiene, Schulbildung, Arbeits- und Wohnverhältnisse sind neben dem Rückgang der Geburtenrate wesentliche Ursachen. Der bessere Gesundheitsstatus ist daher vor allem ein Wohlstandseffekt und beruht weniger auf medizinischen Neuerungen. Der individuelle Lebensstil wie z.B. Lebenszufriedenheit, Ernährungs- und Bewegungsverhalten oder Bildungsniveau haben einen größeren Einfluss (etwa 90 %) auf den Gesundheitszustand und die Sterblichkeit als die medizinische Versorgung (etwa 10 %). So nimmt Deutschland nach den WHO OECD Gesundheitsdaten 2004 nur Platz 11 mit 71,8 im Durchschnitt erwarteter gesunder Lebensjahre ein; bei den Gesundheitsausgaben in Prozent des BIP wird jedoch mit 10,9 % Gesundheitsausgabenquote 2002 Platz 3 hinter den USA mit 14,6 % (69,3) und der Schweiz mit 11,2 % (73,2) belegt. Überproportionaler Zuwachs an älteren Frauen Im 4. Bericht zur Lage der älteren Generation1 des BMFSFJ wird hervorgehoben, dass der Gesundheitszustand und die gesundheitliche Versorgung der Menschen im höheren Lebensalter in Zukunft zunehmend eine Rolle spielt2. Grund sind der überproportionale Zuwachs von Menschen in höheren Lebensaltern gemessen an der Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik und die alterspezifische Multimorbidität in der letzten Lebensphase. So ist die Zahl der Hundertjährigen zwischen 1965 und 1998 im früheren Bundesgebiet von 158 auf 2.501 gestiegen. Insgesamt feierten im Jahr 1998 2.948 Personen ihren 100. Geburtstag, davon 2.583 Frauen; es wird erwartet, dass die Anzahl der Höchstaltrigen weiter stark zunimmt3. Die einzelnen Altwerdenden müssen sich im Klaren sein, dass sie wesentlich das Bild vom Altern und die Akzeptanz des Alters in der Gesellschaft mitbestimmen. Die - im Grundgesetz geschützte unantastbare - Würde des Menschen und sein Ansehen bedingen einander (siehe Cicero)4. Gesundheitsförderung und Prävention - Zielgruppe ältere Frauen Die Expertenkommission "Ziele in der Altenpolitik" der Bertelsmann Stiftung weist bei dem Symposium "Perspektiven der gesundheitlichen Versorgung älterer Menschen" darauf hin, dass gesunde Lebensführung sowie körperliche und geistige Aktivität in allen Lebensaltern höchst bedeutsame Beiträge zur Erhaltung der körperlichen und seelischen Gesundheit und Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter darstellen. Die Expertenkommission empfiehlt, gezielt Angebote zur Gesundheitsförderung und Prävention für Frauen zu entwickeln und diese anzusprechen. Denn Beobachtungen haben ergeben, dass Frauen im hohen Alter im Durchschnitt eine schlechtere körperliche und psychische Gesundheit aufweisen als Männer und sie zudem schlechter mit Heilmitteln sowie Hilfsmitteln als Männer versorgt sind. So muss bei der Vorsorge und Rehabilitation der älteren Frauen, welche aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung in der Gruppe der älteren Menschen überrepräsentiert sind, den besonderen frauenspezifischen gesundheitlichen Belastungen und Risiken (z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen) Rechnung getragen werden.5 Lebenslanges Lernen - Neue Unternehmenskultur Das Schlagwort des "lebenslangen Lernens" erhält in einer älter werdenden Arbeitswelt eine besondere Bedeutung. Der Erhalt der Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit der älteren und älter werdenden Menschen sowie ihre Beteiligung in Arbeitswelt und Gesellschaft ist notwenig: Es geht um den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und die Qualität ihrer Produkte; vgl. Sedlatschek, Thiehoff, Demografischer Wandel und Beschäftigung - Plädoyer für neue Unternehmensstrategien, Bundesarbeitsblatt, 4-2005, S. 4 ff. Die seit langem kursierenden Alterstereotypen, welche die Menschen ab Vierzig als langsam, inkompetent, unzuverlässig und wenig produktiv brandmarken, verursachen nicht nur ganzen Generationen seelisches Leid, sondern zudem Minderwertigkeitsgefühle mit der Folge der scheinbaren Bestätigung dieser Vorurteile. Den ökonomischen Auswirkungen dieses allgemeinen Irrglaubens an die Minderwertigkeit älterer Menschen ist mit einer neuen Unternehmenskultur entgegen zu wirken. Anmerkungen 1 //www.bmfsfj.de/Kategorien/Publikationen /Publikationen,did=5362.html. 2 Vgl. I.B.2.4. 3 Vgl. II.1.4. 4 Vgl. II. 1.5. 5 Vgl. I.C.4.5.
Wiebke Klinkenborg ist Justitiarin und Datenschutzbeauftragte des BKK Landesverbandes Niedersachsen-Bremen und Mitglied der Kommission Ältere Menschen des djb.
