aktuelle informationen 2005 Heft 3

Der Weg zum Doktortitel
und die Perspektiven einer strukturierten Doktorandenausbildung

von Esther Hartwich

Sei es im Rahmen der Mitarbeit an einem Lehrstuhl, eingebunden in ein Graduiertenkolleg, allein am Schreibtisch, vor, während oder nach dem Referendariat, der Weg zum Doktortitel ist zeit-, nerven- und kostenaufwendig. Genauso wie in anderen europäischen Ländern fehlt es in Deutschland an einheitlichen Strukturen, die eine angemessene Betreuung und Finanzierung der Doktoranden sichern.1 Um so erfreulicher war der Beschluss der europäischen Bildungsminister in Berlin 2003, die Doktorandenausbildung in den Bologna-Prozess ergänzend zu Bachelor und Master mit einzubeziehen.2 Die unzureichende Konkretisierung dieses Zieles im Rahmen der Bergen-Konferenz im Mai 2005 und eigene negative Erfahrungen, insbesondere in der Anfangsphase der Promotion, haben den Anlass für diesen Artikel gegeben.

Der erste Schritt: Die Überprüfung der eigenen Motive

Für Doktorandinnen und Doktoranden der Rechtswissenschaft liegen die größten Schwierigkeiten in der häufig mangelhaften Betreuung durch die Doktormutter oder den Doktorvater.3 Der erste Schritt auf dem Weg zum Doktortitel sollte daher die ernsthafte Überprüfung der eigenen Motive sein. Nur mit der „richtigen“ Motivation lassen sich die meisten Hindernisse überwinden und die ein- bis dreijährige Promotionszeit erfolgreich überstehen.

Für eine berufliche Perspektive in der Wissenschaft ist die Promotion natürlich unerlässlich, jedoch auch bei anderen beruflichen Zielen muss das Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten für die Promotion im Vordergrund stehen. Bessere Berufschancen, Überbrückung der Wartezeit oder Erwerbung eines Titels sind zwar nachvollziehbare und sinnvolle Motive (die sicherlich bei jedem Doktoranden auch eine Rolle spielen); als alleinige Motivation werden sie jedoch nicht ausreichen. Hat man schon während des Studiums Seminar- und Hausarbeiten nur mit viel Mühe und Qual hinter sich gebracht, wird die wesentlich umfangreichere Arbeit an einer Dissertation wenig Sinn machen. Auch die berühmte Dissertation, die in einem Jahr zur Überbrückung der Wartezeit geschrieben wird, ist eher eine Seltenheit und nur bei intensiver Vorbereitung schon vor dem ersten Examen realistisch. Gleiches gilt für die Dissertation nach dem zweiten Staatsexamen zur Überbrückung etwaiger Arbeitslosenzeiten.

Formale Voraussetzungen: Befriedigend, Thema, Doktormutter/-vater

Die Promotionsvoraussetzungen und –bedingungen sind an den einzelnen Universitäten zum Teil sehr unterschiedlich geregelt. Hier hilft ein Blick in die jeweilige Promotionsordnung, die zumeist über Internet einsehbar ist. In der Regel wird ein Prädikatsexamen vorausgesetzt, ein „befriedigend“ mit verschiedenen Bedingungen verbunden. So muss bei Letzterem zusätzlich ein Seminarschein mit der Mindestnote „gut“ vorgelegt werden. Einige Universitäten verlangen zwei Seminarscheine, andere bessere Noten. Von den formalen Voraussetzungen sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen; der oder die Seminarscheine können auch nach dem Examen erworben werden und es gibt sogar Ausnahmeregelungen für Kandidaten mit einem lediglich „ausreichenden“ Staatsexamen.

Schwieriger sind die anderen Voraussetzungen: das Thema und die Betreuung. Idealerweise hat man beide schon während des Studiums gefunden. Wenn nicht, ergibt meist das eine das andere. Die meisten Professoren haben Ideen für noch zu bearbeitende Themen, umgekehrt ergibt ein eigenes Wunschthema auch schon eine begrenzte Anzahl von potentiellen Betreuern. Bei beiden gilt, Sympathie und Potential sollten ausschlaggebend sein. Das Thema muss einen genug interessieren, um sich damit ein bis drei Jahre beschäftigen zu wollen, es sollte jedoch auch geeignet sein, in diesem Zeitraum abschließend bearbeitet werden zu können. Ebenso zählt nicht nur ein gutes Verhältnis zur/m Doktormutter/-vater, sondern auch dessen umfassende Betreuungsbereitschaft. Hierzu zählen beispielsweise die kurzfristige Erreichbarkeit des Betreuers und regelmäßige Doktoranden- bzw. Oberseminare, in denen jeder Doktorand den jeweiligen Stand seiner Arbeit vorstellt und bereits Geschriebenes zur Diskussion präsentiert.

Der Einstieg: Das Exposé

Unabhängig was zuerst da war, das Thema oder die Betreuung, der Einstieg in die Promotion ist immer die Ausarbeitung eines Exposés. Das Exposé ist eine kurze Präsentation des Forschungsvorhabens unter Darstellung der Ausgangsfragen, Methoden und Quellen sowie der Aufstellung eines Arbeits- und Zeitplanes. Es ist der erste wichtige Arbeitsschritt, der dazu dient, sich über seine Ziele, Zeiteinteilung und Mittel bewusst zu werden. Darüber hinaus ist es die Grundlage für die generelle Präsentation des Projektes beispielsweise bei Stipendienbewerbungen. Gerade beim Einstieg sollte die/der Doktormutter/-vater dem Doktoranden helfen und z.B. Vorlagen zur Verfügung stellen und Kontakte zu seinen anderen Doktoranden vermitteln. Aufgabe des Doktoranden ist es, dies auch einzufordern und kritisch zu prüfen, ob wirklich eine optimale Betreuungssituation vorliegt. Andernfalls sollte man gerade in diesem frühen Stadium die Betreuung wechseln.

Die nötige Basis: Eine sichere Finanzierung

Können oder wollen die Eltern nicht noch zwei Jahre Doktorarbeit sponsern, scheitern viele Dissertationsvorhaben bereits an der mangelnden Finanzierung. Die Doppelbelastung Arbeit/Referendariat und Promotion erfordert gute Nerven, Ausdauer und Organisationsvermögen. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Anstellung an einem Lehrstuhl entsteht häufig das Problem, dass die Hilfskräfte mit der sonstigen Arbeit am Lehrstuhl meist schon mehr als ausgelastet sind. Die Vorteile liegen natürlich in der Sammlung von Erfahrungen im Wissenschafts- und Lehrbetrieb, sollte der wissenschaftliche Berufsweg angestrebt werden.

Stipendien und Netzwerke

Weiterführende Informationen z.B. zu Stipendienmöglichkeiten und Doktorandenwerken finden sich auf der Webseite des djb unter der Rubrik Ausbildung/Promotion

Die günstigste Option zur Finanzierung ist ein Stipendium. Stipendien werden nicht nur aufgrund von besten Noten, sondern auch von politischen und konfessionellen Stiftungen für aktives vergangenes oder aktuelles Engagement vergeben. Stipendien, die mit der Einbindung in ein Graduiertenkolleg verbunden sind, richten sich meist nach dem wissenschaftlichen Projekt, also dem Thema der Dissertation. Zu beachten ist, dass man für die Erstellung des Exposés und die Vorbereitung für die jeweiligen Bewerbungen bis zu einem halben Jahr einrechnen sollte. Deshalb: Je früher man mit der Vorbereitung der Dissertation beginnt, umso besser. Und: Die mögliche Finanzierung ist nicht nur ein Problem des Doktoranden, sondern auch hier sollte die/der Doktormutter/-vater unterstützend zur Seite stehen.

Die größten Schwierigkeiten: Seltene Erfolgserlebnisse, fehlende Kontakte

Die größten Schwierigkeiten im Rahmen der Promotionen sind zumeist nicht fachlicher Natur, sondern wurzeln in der mangelnden Betreuung und den sich daraus ergebenden seltenen Erfolgserlebnissen und fehlenden Kontakten. Eine angemessene Betreuung kann diese Gefahren, wie bereits teilweise geschildert, stark vermindern. Die Doktoranden- bzw. Oberseminare geben klare Arbeitsabschnitte vor und garantieren regelmäßige Erfolgserlebnisse. Gleiches gilt für die durch den Doktorvater vermittelte aktive Teilnahme an Tagungen und Kongressen sowie erste Publikationen. Dadurch und durch die Vernetzung der Doktoranden untereinander wird ein soziales Netz geschaffen, das nicht nur dem für die Arbeit äußerst förderlichen fachlichen Austausch dient, sondern auch in Krisen Auffangfunktionen übernehmen kann.

Mailingliste

Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch mit der Autorin und anderen djb-Mitgliedern bietet die Mailingliste für junge Juristinnen. Eine Registrierung für die Mailingliste ist über den Mitgliederbereich auf der djb Homepage möglich.

Bergen 2005: Strukturierte Doktorandenausbildung als Alternative?

Grundsätzlich ist der Versuch einer stärkeren Strukturierung der Doktorandenausbildung zu begrüßen, da auf diesem Wege nicht nur die dargestellten Probleme und Mängel des jetzigen Systems gemildert, sondern auch eine gezielte Frauenförderung leichter zu erreichen wäre. So liegt der Anteil von Frauen an juristischen Promotionen nur bei 30 %.4 Allgemein bildet Deutschland mit seinem Gesamtanteil von Frauen in der Wissenschaft mit 5,9 % das europaweite Schlusslicht.5

Um so enttäuschender ist es, wie zurückhaltend die Teilnehmer der Konferenz in Bergen das Ziel einer stärkeren Strukturierung der Doktorandenausbildung konkretisierten. So wurde lediglich die stärkere interdisziplinäre Ausbildung und Entwicklung beruflicher Qualifikationen empfohlen, die Hauptschwierigkeit der mangelnden Betreuung oder auch Finanzierung nicht einmal erwähnt. Damit ignorierte man die Ergebnisse der zur Vorbereitung für Bergen im Februar durchgeführten Salzburger Konferenz von der European University Association (EUA) und dem europäischen Promovierendennetzwerk Eurodoc. Auf der Konferenz stand insbesondere die schlechte Betreuungssituation im Vordergrund. Zur Verbesserung wurde empfohlen, dem Doktoranden zusätzlich zum Hauptbetreuer eine Gruppe von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern als Ansprechpartner zur Seite zu stellen.

Weist dies auch in die richtige Richtung und erfasst das Hauptproblem der unzureichenden Betreuungswirklichkeit, kann die Situation der Promovierenden nur verbessert werden, wenn sie zusätzlich in ein Netz von anderen Doktoranden zum regelmäßigen Austausch des Projektstandes eingebunden werden, wie es z.T. bereits in Graduiertenkollegs geschieht. Nur auf diese Weise können alle Elemente, umfassende Betreuung, Vermittlung berufsrelevanter Qualifikationen, Einbindung in ein Netzwerk, Finanzierung und nicht zuletzt die Vermittlung der Fachqualifikation für die Forschungsleistung gefördert werden.

Letztlich ist angesichts der gegenwärtigen Lage die Initiative der Doktoranden selbst gefragt. Die gezielte Auswahl der/des Doktormutter/-vaters, die selbstbewusste Einforderung von Betreuungsleistungen und die eigeninitiative Vernetzung von Doktoranden sind Mittel, um auch kurzfristig Änderungen herbeizuführen und den Weg zum Doktortitel zu erleichtern!Anmerkungen

1Einen guten Überblick über das Promotionsverfahren in allen europäischen Ländern bieten Antonia Kupfer und Johannes Moes in ihrer Studie, „Promovieren in Europa. Ein internationaler Vergleich von Promotionsbedingungen“, Frankfurt a.M. 2004 (2. Aufl.).
2Hintergrundinformationen sowie Aktuelles zum Bologna-Prozess finden sich auf der Website des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter www.bmbf.de.
3In der Folge wird der Einfachheit halber nur von Doktorand und Doktorvater gesprochen.
4Die Statistik stammt aus einer Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und bezieht sich auf das Jahr 2001.
5Führend innerhalb Europas ist die Türkei mit 25 %. Die Zahlen gehen zurück auf eine im Januar 2003 in Göttingen durchgeführte Tagung mit dem Thema „Gender in Science – Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft“.
Esther Hartwich ist Doktorandin an der Humboldt Universität Berlin und Kollegiatin der International Max Planck Research School for Comparativ Legal History in Frankfurt am Main.

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