aktuelle informationen 2005 Heft 2

Gewalt im Leben von Frauen und Männern – Forschungszugänge, Prävalenz, Folgen, Intervention. Ein Kongressbericht

von Susanne Köhler und Nancy Gage-Lindner

Im September 2004 folgten über 700 Teilnehmer/innen aus dem In- und Ausland der Einladung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Universität Osnabrück, im Rahmen eines europäischen Kongresses die erste repräsentative Studie Deutschlands zu Gewalterfahrungen von Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen und Bevölkerungsgruppen, ferner die Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung von zehn Interventions- und Kooperationsprojekten gegen häusliche Gewalt in Deutschland sowie die erste deutsche Pilotstudie zu Gewalt gegen Männer zu diskutieren. Das Fachgespräch wurde bereichert durch Beiträge von namhaften Wissenschaftlern/innen ebenfalls aus dem In- und Ausland.

Anlässlich der Studie "Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland" waren über 10.000 Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren über ihre Gewalterfahrungen befragt worden. Die Untersuchung stellt ein Ausmaß an Gewalterfahrung fest, die nur Personen, die mit Gewalt gegen Frauen beruflich oder ehrenamtlich zu tun haben, nicht erstaunen. Dazu einige Daten: 37 % aller befragten Frauen haben körperliche Gewalt seit dem 16. Lebensjahr erlebt, 13 % haben seit dem 16. Lebensjahr sexuelle Gewalt erlitten. Gewalt gegen Frauen wird überwiegend durch Männer und dabei überwiegend durch den Partner oder im häuslichen Bereich ausgeübt.

Die Prävalenzstudie untersuchte nicht nur körperliche, sondern auch psychische Gewalterfahrungen. 42 % aller befragten Frauen haben Formen von psychischer Gewalt wie Demütigung, Verleumdung, Drohung, Psychoterror und auch systematische Abwertung erlebt. In der Wahrnehmung der Betroffenen verwischt die Grenze zwischen physischer und psychischer Misshandlung oft.

Die Studie bestätigt für Deutschland den in vorhergehenden Untersuchungen festgestellten Befund, dass bereits die Absicht, sich vom Partner trennen zu wollen, sowie jede Form von vollzogener Trennung, einen Risikofaktor für die Partnergewalt darstellt. Die Untersuchungsergebnisse zeigen ferner einen engen Zusammenhang zwischen dem Erleben und Miterleben von Gewalt in der Kindheit und Gewalterfahrungen als Opfer im Erwachsenenleben. Ein Zusammenhang von Gewalt in Paarbeziehungen mit dem jeweiligen Bildungsstand und der "Schichtzugehörigkeit" wurde wiederum nicht festgestellt. Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit des Täters können zwar eine gewisse Rolle spielen, sie konnten aber nicht als signifikante, ausschlaggebende Faktoren festgestellt werden.

Die zweitgenannte Studie ist eine mehrstufige Begleitforschung, die die Arbeit von Interventionsprojekten gegen häusliche Gewalt in Deutschland von 1998 bis 2004 erfasst. Neben der Evaluation des Berliner Interventionsprojektes gegen häusliche Gewalt (BIG) (www.big.de) wurden bundesweit vergleichend neun weitere Interventions- und Kooperationsansätze bei häuslicher Gewalt auf kommunaler und Landesebene, einschließlich acht Projekte der sogenannten Täterarbeit, analysiert. Seit den 90er Jahren sind neue Formen von institutionell abgesicherten Kooperationen herangewachsen, die multi-institutionell und interdisziplinär organisiert und auf die Verabredung von verlässlichen Verfahren zum Schutz vor Gewalt wie auch die Inverantwortungnahme der Agressoren angelegt sind. Dies stellt eine Weiterentwicklung gesellschaftlicher Verantwortung dar und trägt zu einer Abkehr von der Wahrnehmung der Partnergewalt als einem rein individuellen Problem bei - eine Grundvoraussetzung für die Bereitschaft zur Verbesserung des rechtlichen Rahmens, etwa durch Verabschiedung des Gewaltschutzgesetzes und Änderung des Ordnungsrechts in den Bundesländern.

Die Pilotstudie über personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland basiert auf einer Befragung von 266 Männern und bietet deshalb nur erste Hinweise zu Gewalterfahrungen von Männern. Hauptziel der Studie war die Klärung, auf welche Art und Weise Gewaltbetroffenheit von Männern wissenschaftlich erforscht und erfasst werden kann.

Die Fachvorträge des Osnabrücker Kongresses beleuchteten die neuesten deutschen Studien im Kontext mit anderen nationalen und internationalen Forschungsergebnissen. Prof. Sylvia Walby, University of Leeds, U.K. stellte unter Zugrundelegung eines direkten Vergleichs zwischen den Daten aus Deutschland und denen aus der britischen Umfrage aus dem Jahr 2001 heraus, wie wichtig eine Vereinheitlichung der Befragungsmethoden innerhalb der EU ist.

Prof. Liz Kelly, London Metropolitan University, U.K., wies hinsichtlich der Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung der Interventionsprojekte gegen häusliche Gewalt, die teilweise mit der englischen Literatur im Einklang stehen, insbesondere auf den Aspekt hin, dass die nächste Phase der Evaluation in Deutschland auf Prozessergebnisse zielen müsse, so insbesondere die Fragestellung, welche Veränderungen im Leben der Frauen, Männer und Kinder erreicht werden. Sie erhielt anhaltenden Beifall für ihre Bemerkung, dass es auch wichtig sei, die Mechanismen aufzudecken, durch die das Erreichen erwünschter Veränderungen verhindert werden.

Der Fachbeitrag von Prof. Helmut Kury, Universität Freiburg i.B. beschäftigte sich mit althergebrachten, überkommenen und wünschenswerterweise sich ändernden Vorstellungen über die Geschlechterrolle von Frau und Mann und stellte als dringend erforderlich die Versachlichung der Diskussion über Gewalt, Täter- und Opferrolle heraus.

Frau Eva Maria Bordt, Frauenhauskoordinierung e.V. Frankfurt a.M. sprach die Notwendigkeit der finanziellen Absicherung der Hilfeinfrastruktur an, so insbesondere der Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser. Sie konstatierte, und erntete hierfür ebenfalls Applaus, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in einem drastischen Missverhältnis zu dem tatsächlichen Bedarf stehen. Im Hinblick auf das Konzept der pro-aktiven Beratung, die eine Kooperation in der Regel zwischen Polizei und Beratungsstelle voraussetzt und mit einem aktiven Zugehen (meist telefonisch) auf die Gewaltbetroffene einhergeht, fehlen schlicht die finanziellen Kapazitäten, um diese wissenschaftlich bestätigte Praxis annährend als Standard bundesweit umzusetzen. Sie forderte die Entwicklung weiterer Angebote, die ausgesprochen niedrigschwellig sein müssen, etwa die Einrichtung einer deutschlandweit erreichbaren Telefonhotline, und griff damit eine Diskussion in der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Häusliche Gewalt" auf.

Umfassend beschäftigte sich im abschließenden Vortrag Frau Prof. Myra Marx Ferree, Professorin der Soziologie und Direktorin des DAAD Zentrums für deutsche und europäische Studien an der Universität Wisconsin, Madison, USA mit der Bewertung der vorgestellten Studien im internationalen Forschungskontext. Sie stellte insbesondere hinsichtlich der Frageinstrumentarien in der Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen heraus, dass die Forscherinnen außergewöhnliche und weitgehend erfolgreiche Anstrengungen unternommen haben. Hier sieht sie den Beweis erbracht, dass tatsächlich ein Höchstmaß an Dialogfähigkeit unter Studien zu Gewalt im internationalen Vergleich möglich ist. Sie stellte zugleich fest, dass die vorliegenden Untersuchungen ein noch längst nicht erschöpftes Potential darstellen: die Analyse der verschiedenen Messungen steht erst am Anfang. Es sei nicht allein damit getan, Prozentsätze zu diversen Formen von Gewalt festzuhalten, um die Geschlechterdynamik der Gewalterfahrungen und die Wirkung von Interventionsprozessen zu erhellen. Dies war als Ermahnung an die zur Vereinfachung tendierenden Medien und selbstredend nicht als Kritik an den hiesigen Forschungsteams gemeint. Vielmehr muss die Forschung in Deutschland sich zur Fortsetzung der Analyse der Forschungsergebnisse ermutigt sehen. Gewiss formulierte sie hier auch einen Appell an die Politik, diese Arbeit zu ermöglichen.

Der Kongress machte deutlich, dass weitere Anstrengungen notwendig sind, um die Gewalt, insbesondere die häusliche Gewalt, besser zu verstehen und effektiver zu bekämpfen. Dass weiterhin die wissenschaftliche Erfassung neben der aktiven Hilfestellung für Betroffene notwendig ist, wurde bewusst gemacht. Ferner auch, dass die Schulung aller Personenkreise, die mit Gewaltbetroffenen in Berührung kommen, somit insbesondere Justiz, Polizei, Fachkräfte der sozialen Einrichtungen und Behörden wie auch des Gesundheitswesens und der Schulen, nach wie vor ausgesprochen ausbaufähig ist. Die Kongressdokumentation, wie die Studien selbst, sind eine Gewinn bringende Lektüre und als Download beim Forschungsnetz des Bundesfrauenministeriums unter www.bmfsfj.de verfügbar.

Susanne Köhler ist Rechtsanwältin in Freiberg und Mitglied der djb-Kommission Gewalt gegen Frauen und Kinder. Nancy Gage-Lindner ist Referatsleiterin im Hessischen Sozialministerium und Mitglied der djb-Kommission Gewalt gegen Frauen und Kinder.

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