Warum ist Justitia eine Frau? - Eine Antwort in 12 Tafeln

Zur Wanderausstellung "Füllhorn, Waage und Schwert - Justitia ist eine Frau"

 

Die Ausstellung „Füllhorn, Waage, Schwert - Justitia ist eine Frau" ist einmalig in Deutschland und führt durch 23000 Jahre Gerechtigkeitsgeschichte aus Sicht der Frauen. Sie wird gefördert durch das BMFSFJ und die Gerda-Weiler-Stiftung. Die Schirmherrschaft hat das Haus der Frauengeschichte e.V., Bonn (HdFG).

Idee und Konzept der Justitia-Ausstellung stammen von Dr. Barbara Degen, Juristin und stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Haus der Frauengeschichte e.V.“ (HdFG). Unter der wissenschaftlichen Leitung der Bonner Frauenhistorikerin Prof. Dr. Annette Kuhn, Vorsitzende des HdFG e.V., wirft Barbara Degen einen eigenen Blick in die Räume der Gerechtigkeit - von matri­ar­chalen Zeiten über die ägyptische Gerechtigkeitsgöttin Ma’at und die griechischen Göttinnen Themis, Demeter und Athene. Sie zeigt Kaiserinnen wie Livia und Theodora und fragt nach der Beziehung zwischen Muttergöttinnen und Maria und deren Rolle in dem jeweiligen historischen Gerechtig-keitsdiskurs. Außerdem würdigt sie das Wirken der großen Gerechtigkeitsdenkerinnen in der Geschichte wie Hildegard von Bingen, Christine de Pizan, Olympe de Gouges, Flora Tristan und Hedwig Dohm.

Immer wieder tauchen in der Geschichte zentrale Themen wie Leben, Liebe, Geburt, Tod, Nahrung, Krieg und Frieden auf. Die Ausstellung macht diese Wiederkehr, die jedoch je nach Epoche neue Fragen und Antworten beinhaltet, mit dem Bild der Spirale sichtbar. Innerhalb der einzelnen Tafeln verwendet sie bekannte und unbekannte Bilder und Originalzitate aus der jeweiligen Zeit. Damit wird ein lebendiges Panorama der historischen Epochen sichtbar und das Leben der Frauen anschaulich. Die Besucherinnen und Besucher werden angeregt, über ihr eigenes Verhältnis zu Recht, Unrecht und Gerechtigkeit nachzudenken.

Die Ausstellung geht auch auf alte und neue frauenfeindliche Angriffe, z.B. unterdrückende Gesetze und Todesurteile gegen Frauen in den jeweiligen historischen Epochen, ein. Die römische Gesetzgebung, der Sachsenspiegel und die Zeit der Hexenverfolgungen zeigen dies exemplarisch. Betroffene Frauen haben sich gegen diese Anmaßungen zur Wehr gesetzt und über Recht und Gerechtigkeit aufgeklärt.

Bis zu der heutigen Zeit kämpfen Frauen um „gleiche Rechte“, um die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung, wie es Art. 3 Abs. 2 des Grundgesetzes formuliert. Sie bewegen sich damit in einer eigenen historischen Gerechtigkeitstradition, in der sie das Allgemeinwohl für beide Geschlechter definieren.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem Unrechtssystem des Faschismus und den Gerechtigkeitshoffnungen der Gegenwart. Der Deutsche Faschismus hat sich verheerend und katastrophal auf die Hoffnungen auf Gerechtigkeit ausgewirkt. „Justitia weint“, so beschreibt es die Ausstellung. Sie zeigt, dass wir uns in unseren Gerechtigkeitsvorstellungen von dieser Zeit immer noch nicht ganz erholt haben: „Die fast völlige Vernichtung von gesellschaftlich tradierten Gerechtigkeits- und Mütterlichkeitsvorstellungen verstört und belastet die politische Kultur, unsere Erinnerungen und die Demokratievorstellungen bis heute.“

Auch Marie Munk, eine der Gründerinnen des 1914 ins Leben gerufenen Deutschen Juristinnenvereins, war ein Opfer des Faschismus. 1924 wurde sie die erste Berufsrichterin Deutschlands und engagierte sich bei Verbesserungsvorschlägen für das Ehe- und Familienrecht. Als Jüdin und Juristin wurde sie 1933 doppelt verfolgt und emigrierte 1934 in die USA.

Heute sind wir auf der „weltweiten Suche nach Gerechtigkeit“. Wir versuchen, die Welt – auch mit den Mitteln des Rechts – friedlicher zu machen. Eine demokratische Gerechtigkeitskultur zwischen den Geschlechtern ist hierbei der wichtigste Baustein. Frauen wie die Anwältin Shirin Ebadi sind hier Vorreiter: erstmalig wurde 2003 der Friedensnobelpreis an sie als muslimische Rechtsanwältin für Menschenrechte vergeben. Damit wurden auch die weltweiten Bemühungen von Frauen um eine gerechtere Welt gewürdigt.

Zu allen historischen Zeiten erschienen in der Kunstgeschichte, an öffentlichen Plätzen, in und an Gerichtsstätten und in Weisheitstexten weibliche Verkörperungen von Gerechtigkeit. Was verbindet die Frauen des 21. Jahrhunderts mit denen aus anderen Zeiten, wie sehen Frauen heute Gerechtigkeit, wie haben Frauen damals Gerechtigkeit empfunden und gelebt? Diese Frage war der Anlass für Barbara Degen, sich mit den historischen Frauengestalten der Gerechtigkeitsgeschichte zu beschäftigen und ihnen den Raum zu geben, der ihnen gebührt. Ihr Fazit am Ende der Suche: „Die zwölf Tafeln der Ausstellung zeigen, dass selbst in den tyrannischen Zeiten unserer Geschichte, z.B. während der Hexenverfolgungen und im Faschismus, die Sehnsucht und die Hoffnung auf eine friedliche, gewaltfreie und liebevolle Welt nie verschwunden ist. Wir brauchen diese Hoffnung, ebenso wie wir alle Fähigkeiten der Frauen in der Politik und ihre Mütterlichkeit brauchen. Und wir hoffen auf eine Welt, in der diese Mütterlichkeit auch für mehr Männer zu einer erstrebenswerten Eigenschaft wird.“

Neugierig geworden auf Justitia? Mehr Informationen zur Wanderausstellung „Füllhorn, Waage, Schwert – Justitia ist eine Frau“ gibt es unter www.justitia-ausstellung.de.

(Text: Cordula Dienst, PR- und Pressearbeit, Justitia.)

 

aus: aktuelle informationen 2007, Heft 3, S. 39f.

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