Gender Mainstreaming


von Dr. Barbara Stiegler

Herkunft und Definition

Gender Mainstreaming ist durch die Politik der Europäischen Union bekannt geworden. Seine Wurzeln liegen jedoch in der weltweiten Frauenbewegung und deren enttäuschten Erfahrungen mit der Durchsetzung von Forderungen an die Regierungen. Über Jahrzehnte hinweg verbesserte sich die Lage der Frauen weltweit kaum. Deshalb suchten Frauen wirksamere Strategien. Sie wollten endlich aus der Position der Bittstellerin an die Regierungen herauskommen. 1995 auf der vierten Weltfrauenkonferenz in Beijing erhielt die neue Strategie ihren Namen: das Gender Mainstreaming. Für die Weltfrauenpolitik bedeutet es, dass die Regierungen bei allen politischen Entscheidungen in allen Bereichen prüfen: Welche Auswirkungen hat jede ihrer Fachpolitiken auf die Situation von Frauen und Männern? In welcher Weise verbessern geplante Maßnahmen die besonderen Lebenssituationen von Frauen? Auf EU-Ebene wurde das Prinzip 1997 über den Amsterdamer Vertrag in Art. 3 Abs. 2 EGV verankert. Alle Mitgliedstaaten haben sich verpflichtet, die Chancengleichheit der Geschlechter als Ziel in allen Politikbereichen zu verankern.

Definition dieses Prinzips

Gender Mainstreaming besteht in der Reorganisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluation von Entscheidungsprozessen in allen Politikbereichen und Arbeitsbereichen einer Organisation. Das Ziel von Gender Mainstreaming ist es, in alle Entscheidungsprozesse die Perspektive des Geschlechterverhältnisses einzubeziehen und alle Entscheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter nutzbar zu machen.

Die Idee ist einfach, aber höchst anspruchsvoll. Gender Mainstreaming als eine Strategie für Organisationen bedeutet, dass bei allen Entscheidungen von Anfang an die Sicht auf die Geschlechterverhältnisse einbezogen wird. Alle Beteiligten, Frauen wie Männer, sind dabei gefordert, ihre alltägliche Arbeit zu verändern und um die Geschlechterperspektive zu erweitern.
Die Umsetzung von Gender Mainstreaming soll in solchen Organisationen erfolgen, die im weitesten Sinne Politik machen, seien es Ministerien, Behörden, kommunale Verwaltungseinheiten, Verbände, Vereine oder Gewerkschaften, aber auch Bildungsinstitutionen wie Schulen, Universitäten oder Volkshochschulen. Alle diese Organisationen sind demokratisch legitimiert, gesteuert und kontrollierbar. Ihre Politik und ihre Dienstleistungen, also ihre „Produkte", beeinflussen die Lebensbedingungen und regeln direkt oder indirekt auch die Geschlechterverhältnisse.

Gender Mainstreaming ist ein Prinzip zur Veränderung von Entscheidungsprozessen, ein konzeptionelles Instrument. Es ist eine systematisierende Verfahrensweise, die innerhalb der Abläufe von Organisationen von oben nach unten (top-down) implementiert, von unten nach oben aber vollzogen wird. Im Verhältnis zu anderen geschlechterpolitischen Strategien wie Antidiskriminierungsstrategien und Frauenförderung ist Gender Mainstreaming die weitreichendste Strategie, weil sie den Blick auf alle Bereiche richtet, nicht nur auf die organisationsinterne Personalentwicklung. Im Querschnitt werden alle Maßnahmen auf ihre Auswirkungen geprüft, auch ohne dass eine konkrete Ungleichbehandlung oder ein Defiziterlebnis von einer bestimmten Person vorliegt. Die Analyse und Veränderung der Rahmenbedingungen, die die Geschlechtergruppen und damit auch einzelne Individuen benachteiligen, stehen im Vordergrund.

Ziel

Allgemein dient die Anwendung dieses Prinzips der Herstellung der Chancengleichheit, der Geschlechtergerechtigkeit oder Gleichstellung der Geschlechter. Allerdings ist mit dieser allgemeinen Zielsetzung noch wenig gesagt. Die Anwendung von Gender Mainstreaming verlangt vielmehr eine ganz genaue Zieldefinition für das jeweilige Arbeitsfeld. Auf den internationalen Frauenkonferenzen einigten sich die beteiligten Regierungen auf einen langen Zielkatalog (Agenda), dessen Umsetzung Gender Mainstreaming dienen soll. Die Operationalisierung von geschlechterpolitischen Zielsetzungen ist eine der schwierigsten Implikationen bei der Anwendung von Gender Mainstreaming. Gender Mainstreaming ist nicht schon die Definition des Zieles selbst, sondern ein Verfahren, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wenn damit die Zielfindung dem jeweiligen politischen Raum überlassen bleibt, zeigt sich das Konzept offen für verschiedene geschlechterpolitische Optionen.

Das Kernstück von Gender Mainstreaming ist die Genderanalyse. Der Gender-Begriff impliziert die sozialen und kulturellen Bestimmungen von Geschlechterverhältnissen. Er legt nahe, Geschlecht nicht nur als Merkmal von Personen zu analysieren (sex counting), sondern auch den Einfluss von Strukturen, Regeln und Mechanismen auf die geschlechtsspezifischen Lebenssituationen in den Blick zu nehmen. Differenzen zwischen den Geschlechtern werden allzu leicht mit einer biologischen Begründung legitimiert und verführen dazu, für die bestehenden Geschlechterverhältnisse natürliche Ursachen anzunehmen. Der Wechsel der Blickrichtung auf die Frage nach den Mechanismen zur Entstehung von genderspezifischen Lebens- und Arbeitssituationen bilden den Kern von Genderanalysen. Untersucht wird, wie die politischen Handlungen von Organisationen gesellschaftliche Strukturen, die geschlechtlich konnotierte Lebens- und Arbeitsweisen immer wieder reproduzieren, beeinflussen. Es geht also um das Gender Doing von Organisationen.

Chancen von Gender Mainstreaming

Neu im Vergleich zu anderen geschlechterpolitischen Strategien ist:

Damit bietet das Konzept besondere Chancen:

Die Notwendigkeit der
geschlechterpolitischen Zielfindung

Die Festlegung auf geschlechterpolitische Ziele erfolgt im politischen Raum, in den Gremien, die über die Organisationsziele zu bestimmen haben. Für die meisten Mitglieder solcher Gremien ist es eine neuartige Anforderung, über geschlechterpolitische Zielsetzungen zu debattieren. Insbesondere Männer glauben immer noch, dass solche Debatten in Frauenrunden zu führen seien und sie selber sich dann dazu positiv oder negativ verhalten könnten. Bei Anwendung des Gender-Mainstreaming-Prinzips werden aber alle, die politisch Verantwortung tragen, in die Pflicht genommen. Dabei wird es zu Mehrheitsentscheidungen kommen, denn Kontroversen werden oft überhaupt erst sichtbar, wenn Operationalisierungen allgemeiner Orientierungen wie Gleichstellung oder Chancengleichheit gefordert werden.

Die Pflicht zur Genderanalyse

Im Mainstream des Denkens und der Verfahrensweise von Organisationen spielen die Geschlechterverhältnisse nur selten eine Rolle. Die meisten Gegenstände, Probleme und Projekte, mit denen sich politisch handelnde Organisationen beschäftigen, gelten als geschlechtsneutral, ob es sich dabei um Städtebaumaßnahmen, um Umweltplanungen oder um Curriculumentwicklung handelt. Ein Vorteil des Gender Mainstreaming-Konzeptes ist es, dass diese vorgebliche Geschlechtsneutralität in Frage gestellt wird und eine Beweislastumkehr erfolgt: Es muss jeweils erst nachgewiesen werden, dass die betreffende Maßnahme keinerlei Wirkungen auf die Geschlechterverhältnisse mit sich bringt. Dazu bedarf es der Genderkompetenz der Fachleute, d.h. sie müssen in der Lage sein, die Geschlechterverhältnisse in ihre fachliche Analyse einzubeziehen.

Der Einbezug der anderen,
der männlichen Seite im Geschlechterverhältnis

Der Gender-Begriff umfasst beide Geschlechter, das männliche und das weibliche. Damit hat sich die Blickweise erweitert und die vorherrschende Meinung, dass nur Frauen ein Geschlecht haben und damit in der Regel ein Problem, gilt nicht mehr. Das männliche Geschlecht wird als Teil im Geschlechterverhältnis in den Analysen betrachtet. Dabei geht es vor allem um die patriarchalen Gewinne, die Männer aus den typischen Geschlechtsrollen und den damit verbundenen Positionierungen erzielen, aber auch um beeinträchtigende Effekte, die sie aufgrund der hegemonialen Männlichkeit hinnehmen müssen.

Die Nutzung der hierarchischen Macht in Organisationen
Durch die Umsetzung im Sinne des Top Down wird die strukturelle Machtbeziehung in Organisationen zur Erreichung von Zielen benutzt. Die Einnahme einer Geschlechterperspektive hängt damit nicht mehr von der politischen oder moralischen Überzeugung einzelner Mitglieder von Organisationen ab, vielmehr wird sie zum obligatorischen Habitus und zur fachlichen Kompetenz.

Dr. phil. Barbara Stiegler ist Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Genderpolitik in der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn.

aus: aktuelle informationen 2007 Heft 2, S. 21f.

 

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