Warum es genauso schwierig ist, die Welt zu retten, wie ...*
von Ursula Ott
Ich hatte einen Plan, und der ging so: Die Welt, die ich in einem ziemlich maroden Zustand vorfand, sollte ein bisschen besser aussehen, wenn ich dereinst wieder abtrete. Retten wäre zu hoch gegriffen, ich bin ja nicht Jesus. Aber sagen wir: Was die Gerechtigkeit angeht, hätte sie vielleicht ein Update verdient. Eine aktuellere Version der Programme arm-reich, Mann-Frau, oben-unten, doch, doch, so viel müsste schon drin sein.
Die Idee an sich war vielleicht schon ein bisschen verwegen, aber der Weg dahin war definitiv naiv. Ich bin in den wilden 70ern aufgewachsen, als speziell Frauen dachten, es sei einfach nur das falsche Geschlecht am Ruder. Würden erst mal massenhaft Frauen Abitur machen, studieren und Vorstandsvorsitzende werden, sähe die Welt besser aus. Stiege mehr Farbe aus schwarzen Staatskarossen, gäbe es mehr zu lachen auf Parteitagen und mehr Spaß in deutschen Betten. Kurz: Dürften Frauen überall mitspielen, käme so richtig Musik in die Bude.
Letzteres übrigens ist eingetreten. Wo auch immer wir Frauen hinkommen, steigt der Lärmpegel, es ist unentwegt ein Geschnatter und Gekicher. Bloß die Welt sieht immer noch so aus, obwohl wir Frauen brav Abitur gemacht und studiert haben. Weil ziemlich wenige von uns da oben angekommen sind, wo man auf die entscheidenden Tasten drücken und das neue Programm laden kann.
Das liegt schon mal daran, dass Frauen selbst im Vorzimmer der Macht immer noch das Dienstmädchen spielen. Ich werde nie vergessen, wie ich mit einer Gruppe hochkarätiger Kolleginnen das Bundeskanzleramt besichtigte, geführt von einer immens klugen Frau, der Architektin Charlotte Frank. Frauen hätten sie vieles fragen können über die höchste Macht im Staate und ihre architektonische Inszenierung. Aber was wollten die Kolleginnen als Erstes wissen: „Uiuiui, so viele Fenster - wie kriegt man die denn geputzt?"
Dabei muss man schon froh sein, wenn Frauen eine sachliche Frage stellen, ohne vorweg zu betonen, wie doof sie sind. Denn auch das hält unser ganzes Geschlecht kollektiv davon ab, es nur einen Schritt weiterzubringen. Natürlich sind manche Frauen doof, aber das ist nicht schlimm, weil auch sehr, sehr viele Männer doof sind. Männer setzen als Vorstandsvorsitzende 50 Millionen Euro in den Sand, werden erst nach zehn Jahren gefeuert und nennen dies anschließend ein „perfektes Timing". Frauen dagegen kommen zu einem Vortrag, haben die Folien vergessen, stellen sich ans Pult und sagen erst mal: „Ich bin so doof, ich habe tatsächlich die Folien im Büro liegen lassen." Das würde kein Mann sagen. Männer würden sich denken, dumm gelaufen. Oder per Taxi unauffällig die Folien beschaffen. Würden im Zweifelsfall behaupten, Folien seien sowieso derart aus der Mode und würden neuesten amerikanischen Wahrnehmungsstudien zufolge nur ablenken vom Inhalt des Vortrags. Deshalb hätten sie spontan beschlossen, das Publikum herauszufordern und frei zu sprechen. Irgendwas in der Art. Aber nie, nie, nie würden Männer behaupten, dass sie doof doof doof sind.
Genau das schrieb mir bei der ersten Lesung meines ersten Buchs die Verlagsfrau, die für nichts anderes bezahlt wird, als Bücher zu Lesungen zu schicken. „Doof doof doof" stand schon in der Betreffzeile der E-Mail. Sie hatte vergessen, die Bücher rechtzeitig loszuschicken. Das ist übrigens ein Standardfehler bei Lesungen, und man ist schon erstaunt. Eine Lesung ohne Buch ist wie die Detroit-Motor-Show ohne Autos. Würde Männern nicht passieren. Zumindest würden sie's nicht zugeben. Frauen schon.
Frauen laden mich gerne zu richtigen Weltrettungsveranstaltungen ein. Und ich komme ja auch gerne. Erzähle von der Pisa-Studie, von Erziehungs-Katastrophen oder Gewalt gegen Frauen. Große Themen, die schon mal ein bisschen kleiner aussehen, wenn man auf dem Plakat das 0 in meinem Namen mit rotem Buntstift ausmalt und noch ein Strichweiblein daneben kritzelt. Oder den Ort der Veranstaltung vergisst und - blöd blöd blöd - der Lokalzeitung aus Versehen den Titel der Folgeveranstaltung durchgibt. „Keine Ahnung, wie das passieren konnte", seufzt dann die Veranstalterin, und man sitzt da mit 30 Frauen, die etwas über den Aufstand der Mütter von der Plaza de Mayo wissen wollen. Das ist natürlich auch eine Weltrettungsveranstaltung, eine sehr ehrenwerte sogar - bloß blöd, dass ich da jetzt auf der Bühne sitze und Lustiges aus meinem Erziehungsalltag erzählen will.
Allerdings ist das alles besser als vor nur drei Leuten zu sitzen, die sich bei strömendem Regen durch ein unwirtliches Kasernengebiet in jene aufwendig renovierte Kulturscheune gequält haben. Denen man eigentlich einzeln gratulieren müsste und sie links und rechts küssen. Auf keinen Fall haben sie verdient, dass die Frauenbeauftragte zur Begrüßung den drei Aufrechten erst mal sagt: „Also, ich bin nicht schuld daran, dass heute Abend so wenig gekommen sind."
Ganz suspekt sind mir inzwischen die zahlreichen großen Wir-retten-die-Welt-Veranstaltungen. Die werden, man glaubt es kaum, nach wie vor finanziert von der EU, der UNO oder dem Bundesfrauenministerium. Es trifft sich regelmäßig derselbe Club von circa 50 Weltretterinnen, die quer durch die Welt jetten, um sich in jeweils relativ identischer Besetzung gegenseitig mit vielen bunten Karten zu beweisen, dass die Welt sehr, sehr schlecht ist. Und wehe, da schert eine aus. Neulich war ich auf einer Konferenz, bei der ein paar euphorische Polinnen, Tschechinnen und Ungarinnen sagten, sie fühlten sich eigentlich gar nicht so diskriminiert. Die Mädels waren Anfang 20, hatten coole schwarze Brillen, eine sehr große Klappe und einen Ausbildungsplatz beim Radio. Große Empörung bei den Weltretterinnen. Wie jetzt - nicht diskriminiert? Kennen Sie denn das CEDAW-Protokoll? Ratlosigkeit bei den jungen Osteuropäerinnen - sie kannten den iPod, sie kannten MTV und sie kannten den DAX. Aber die „Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women (CEDAW)" - ne, hatten sie noch nix von gehört. Siehste mal, triumphierten die Weltretterinnen, deshalb wisst ihr auch noch gar nicht, wie schlecht es euch geht.
Inzwischen glaube ich: Die meisten Frauen wollen gar nicht, dass die Welt gerettet werden soll. Dann müssten sie sich ja glatt ein anderes Thema suchen. Solange die Welt schlecht ist, können sie zur UNO-Weltfrauenkonferenz nach Peking fahren und darüber reden, dass die Welt schlecht ist. Fünf Jahre später können sie in derselben Besetzung nach New York fahren und „Peking plus fünf" begehen. Zum Glück stellt sich in New York heraus, dass seit Peking nix besser geworden ist. Deshalb trifft frau sich weitere fünf Jahre später zu „Peking plus zehn", diesmal in Berlin. Das Eröffnungspodium heißt dreisterweise „Ich war in Peking". Reicht offenbar schon als Programm. Man stelle sich mal vor, Männer würden ein Forum „Ich war in Davos" nennen.
Und so erkläre ich die Idee, mit anderen Frauen für eine bessere Welt zu kämpfen, vorerst für gescheitert. Die meisten wollen gar keine bessere Welt - eine schlechte kommt ihren Interessen weitaus mehr entgegen.
