Zehn kleine Handreichungen für die Frau, die in einer Institution Frauenpolitik machen will

 

  1. Erkundige Dich zuerst, ob und welche anderen Frauen gleichfalls in dieser Institution arbeiten oder arbeiten sollen. Wenn möglich sorge mit dafür, dass es viele, möglichst frauenbewegte und solidarische sind. Fehlt es an diesen, überlege Dir Deine Zusage lieber dreimal oder bereite Dich sorgfältig auf eine Expedition in feindliches Ausland vor.
  2. Stark betroffen wird Deine Familie sein und Du in ihr.
    Unerlässlich ist deshalb eine Familienkonferenz. Prüfe, ob Dein Partner Dich unterstützen wird, ob er es aushält, wenn Du prominent oder gar prominenter bist und für viele kleine weibliche Dienstleistungen ausfällst. Ist hier Misstrauen angebracht, vermeide nicht die Vertrauensfrage, sie war dann sowieso fällig. Hast Du noch kleine Kinder, bedenke genau Dein geringes Zeitbudget. Möglicherweise musst Du ihr Älterwerden noch abwarten, aber oft lässt sich eine umfassende Betreuung bei sorgfältiger Planung erreichen. Dein größter Feind ist dann die Übermutter in Dir, die Dir ein schlechtes Gewissen einreden kann und besonders gerne von Deinen Gegnern zitiert werden wird.
  3. Lasse nicht zu, dass der Eintritt in diese Position eine Einbahnstraße wird. Sorge dafür - soweit das geht -, dass Du jederzeit wieder aussteigen kannst, ohne in soziale Unsicherheit zu fallen.
  4. Geh davon aus, dass niemand dauernd Frauenpolitik machen kann und will. Setze Dir eine Frist - und richte Dich auch danach, selbst wenn Dir dann einige mit Deiner Unersetzbarkeit schmeicheln.
  5. Bemühe Dich von Anfang an um intensive und solidarische Kontakte zu Kolleginnen. Akzeptiere, dass es natürlich auch da Konkurrenz gibt, versuche jedoch, ungeachtet dessen wechselseitige solidarische Unterstützung aufzubauen. Dazu ist ein regelmäßiges Treffen hilfreich, ein durch Zeitknappheit zwar je wieder gefährdetes Vorhaben, dessen Bedeutung aber kaum überschätzt werden kann.
  6. Lasse nicht zu, dass Du in dieser Position einsam wirst. Du wirst schnell merken, dass auch ein selbst zusammengestellter Stab trotz aller Loyalität nicht genug Rückhalt bietet: auch für sie bist Du „die da oben". Widme Dich trotz der unmenschlichen Zeitknappheit Deiner Familie und pflege Deine Freundschaften. Sollte es ein „Frauennetzwerk" außerhalb der Institution geben, wirst Du dort nicht ganz aufgehoben sein, denn Du bist diejenige, die Kompromisse machen muss und auch über die Vergabe von Geld bestimmt. Deshalb leiste Dir unbedingt eine professionelle Supervision und Beratung. Aber sprich nicht darüber. In der Politik - auch in den Medien - verlangt man Besserwisser und Alleskönner, den Anschein unverletzbarer Perfektion.
  7. Nimm unbedingt mindestens eine Person (inzwischen ist es auch schon möglich, dafür eine Frau zu finden) in Deinen Stab auf, die die Strukturen der Institution und ihre Machtlinien genau kennt. Lass Dich von ihr beraten und warnen, auf Fallen und Verflechtungen hinweisen, aber nicht davon abhalten, Risiken einzugehen, wenn Du etwas ändern musst. Selbst wenn Du den „Dienstweg" nicht einhalten willst, Du solltest ihn wenigstens kennen.
  8. Lass immer doppelt gegenchecken, wenn jemand behauptet, Du hättest diese oder jene Rechte, Dir stünde dies oder jenes zu. Bist Du als Person gemeint, lass es beim geringsten Zweifel lieber sein; betrifft es Deinen politischen Handlungsspielraum, gehe davon aus, dass Dir gerade nicht alles freiwillig aufgezeigt wird, was Du darfst und kannst, wo Du das Recht zur Einmischung hast. Im Übrigen: versuche immer, Deinen Handlungsspielraum zu erweitern.
  9. Lass es Dir genügen, dass Du zu Hause geliebt wirst und von ein paar Frauen, die mitbekommen haben, dass und wofür Du Dich aufribbelst. Bemühe Dich nicht um Zuneigung, schon gar nicht um die Deiner Kollegen, das macht Dich verkrampft und ist meist ohnehin vergebens. Das gleiche gilt für das Verhältnis zu Journalistinnen. Aber sei gleichermaßen erbarmungslos nett zu ihnen wie unbeugsam bei Deinen Forderungen. Und freu' Dich, wenn dann doch unvermutet eine persönliche Verbundenheit oder belastbare Fairness entsteht.
  10. Vertu Deine Zeit nicht mit all den Politik-Auftritten und -Ritualen, die man Dir rät, um ein „Emanzenimage" zu bekämpfen. Auch wenn Du eine ganze Nacht lang mit Politikern gesoffen, im Karneval eine Pappnase aufgesetzt, für Hausfrauen gekocht und auf dem Feuerwehrball die Kapelle dirigiert hast - alles vergebens, alles vergessen, wenn Du die nächste frauenpolitische Wahrheit sagst oder Forderung stellst.
    Nimm Dir lieber Zeit für Dich selbst, um zur Ruhe, zu Dir, Deiner Familie und Deinen Beziehungen zu kommen - oder auch mal zum Nachdenken. Nur daraus erwächst Dir Stärke. Aber sprich nicht darüber: Im Politikgeschäft wie in den hohen Positionen der Institutionen wird immerwährende Verfügbarkeit verlangt und auch die Bürgerinnen und Bürger erwarten von Dir, dass Du immer Zeit für sie hast, auch Sonntags, auch nachts - bloß keine Muße.

Senatorin a.D. Dr. Heide Pfarr ist Professorin für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht an der Universität Hamburg, Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-Stiftung und Mitglied der Geschäftsführung dieser Stiftung.

aus: aktuelle informationen 2007 Heft 1, S. 26.

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