Frauen leben länger. Aber wie?
Altersarmut ist in Deutschland vor allem weiblich
von Wiebke Klinkenborg
Im Jahr 2004 erhielten in Deutschland Männer durchschnittlich 982 Euro, Frauen aber nur 520 Euro Rente. Bei den betrieblichen Zusatzrenten und privaten Absicherungen sind z.B. bei einem der drei größten Anbieter privater Altersvorsorge im Jahr 2006 63 % der von Betrieben abgeschlossenen Versicherungen zugunsten von Männern vereinbart. Bei den privaten Versicherungsverträgen sind Frauen nur bei geringfügig mehr als 37 % der Verträge beteiligt. 42 % der Frauen haben überhaupt keine Vorsorge für das Alter getroffen, so eine Studie der Kölner Psychonomics AG.
Die Partizipation der Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland beträgt aktuell 59,2 % und liegt damit knapp unter dem Ziel der Europäischen Beschäftigungsstrategie (EBS) für 2010 von 60 %. Allerdings stieg vom Jahr 1991 die Teilzeitquote von Frauen in Ostdeutschland von 12,0 % auf 38,1 % im Jahr 2004 und in Westdeutschland von 36,1 % auf 51,1 %. Die Folge ist eine geringere gesetzliche Rente dieser teilzeitbeschäftigten Frauen gemessen an den gesetzlichen Renten vollzeitbeschäftigter Frauen und Männer. Zudem verdienen Frauen generell weniger als Männer; Gehaltsunterschiede von bis zu 25 % bestehen bei Frauen und Männern in der gleichen Position. Das Lebenseinkommen von Frauen mit Kindern ist um bis zu einem Drittel geringer als das der Männer mit Kindern mit gleicher Bildung. Das liegt vor allem an den kürzeren Erwerbszeiten sowie Erwerbsunterbrechungen in Phasen der Kinderbetreuung, so eine aktuelle Studie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt und der Universität Hohenheim. Diese geschlechtsspezifischen Entgeltunterschiede kosten die Frauen Einkommen und Rentenansprüche.
Da heute in Deutschland insgesamt jede dritte und in Großstädten jede zweite Ehe geschieden wird, ist in der Lebenswirklichkeit das vormals vorherrschende Hausfrauen-Modell der Versorgerehe mehrheitlich nicht mehr anzutreffen.
75 % der heute 30- bis 59-jährigen Frauen werden nach Berechnungen von Rentenexperten im Alter finanziell nicht ausreichend abgesichert sein. Frauen müssen häufiger als Männer mit weniger gesetzlicher Rente und geringerer privater Altersvorsorge länger auskommen. Im „Europäischen Jahr der Chancengleichheit" 2007 steht unter anderem die geschlechtsspezifische Entgeltdiskriminierung auf der Agenda der Staaten der Europäischen Union. Das bedeutet: Abbau der geschlechtspezifischen Entgeltunterschiede, Eigenverantwortung und Aufbau einer partnerunabhängigen, eigenständigen Altersversorgung sind zwingend notwendig.
Barriere für ein stärkeres Engagement von Frauen bei der persönlichen Finanzplanung ist der Mangel an Informationen. Die finanzielle Absicherung im Alter ist für 65 % der von Emnid im Jahr 2005 befragten Frauen zwischen 20 und 60 Jahren das Top-Thema. Nur an der Umsetzung mangelt es.
Gründe, warum Frauen sich mit dem Thema Altersvorsorge schwer tun, sind vielfältig. Noch 1953 ging das Vermögen der Frau bei der Heirat automatisch in den Besitz des Mannes über; bis 1977 konnten Ehefrauen in Deutschland nur mit Zustimmung ihres Mannes arbeiten und ein Konto eröffnen. So gibt es trotz der hohen Scheidungsrate noch die Vorstellung von der dauerhaften Versorgerehe als Hausfrau und Mutter. Des Weiteren können in Geldfragen Frauen auch aus emotionalen Gründen wie Scham oder Schuld blockiert sein.
Frauen sollten sich bei den Beratungsstellen der Deutschen Rentenversicherung und bei privaten Beratern informieren. In fast jeder großen Stadt können z. B. Beraterinnen aus dem Verbund der Finanzfachfrauen in Anspruch genommen werden. Zur Wahl der persönlich richtigen Altersvorsorge sollten Frauen die Antworten auf folgende vier Fragen beachten:
- Wie gut ist die Absicherung in der gesetzlichen Rente?
- Wie lange will und kann die betreffende Frau in die Altervorsorge zahlen?
- Wie gesund ist sie?
- Wie viel Geld muss sie im Alter zur Verfügung haben?
Flexible Vorsorgelösungen bei modernen Lebensentwürfen und üblichen Erwerbsbiografien von Frauen sind bei qualifizierter, individueller und unabhängiger Beratung zu finden.
Altersvorsorgeversicherungen wie Riester-Rente werden vermehrt abgeschlossen.
Die privaten Versicherungen verzeichneten im ersten Halbjahr 2006 insgesamt vier Millionen neue Verträge, ein Zuwachs von 13 %. Darunter waren 1,9 Millionen private Rentenversicherungen mit möglichen Zahlungen bis zum Lebensende - ein Plus von 34 %. Bedeutsam war laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Riester-Rente: Fast 900.000 der Neuverträge waren auf Riester-Produkte mit staatlicher Förderung entfallen. Insbesondere bei Frauen, die Teilzeit arbeiten und/oder Kinder haben, kann die Riester-Rente mit einer staatlichen Förderquote von 60 % nach Auffassung von Finanzberaterinnen die Defizite der gesetzlichen Rentenversicherung ausgleichen. Die Bedeutung der klassischen kapitalgedeckten Lebensversicherung hingegen nimmt deutlich ab: Waren 1990 noch 93,4 % aller kapitalbildenden Policen klassische Kapitallebensversicherungen, so sank der Anteil im ersten Halbjahr 2006 auf nur noch 24,9 %. Es wird erwartet, dass im Jahr 2006 etwa 75,5 Milliarden Euro an Beiträgen für Lebensversicherungen und damit 4 % mehr als im Jahr 2005 gezahlt werden. Nicht enthalten sind in diesen Zahlen Beiträge an Pensionskassen und Pensionsfonds, vermittelt und gefördert durch den jeweiligen Arbeitgeber z.B. durch Entgeltumwandlung.
